Frauenporträts – 100 Jahre Frauenzentrale Aargau – FrauenStimmen

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Frauenzentrale Aargau veröffentlichen wir im Laufe des Jahres 52  Frauenporträts

Damit wollen wir ein Zeichen setzen – jede Frau soll ihre Stimme erheben – stehen wir zu unseren Meinungen und Sichtweisen, denn diese sind wichtig, wir brauchen alle Stimmen um das Ganze zu sehen.

Fotografin Iris Krebs


Frauenstimme der Woche / 19.10.2021

Antonia Iten

Wer sind Sie?
Ich bin Antonia, auf der Reise zur 52igsten Umrundung unseres Zentralgestirns. Gewerkschafterin, Mitarbeiterin Finanzen und Informatik, queere Aktivistin, Feministin.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Für einen sozialen Ausgleich, die Chance unabhängig von geografischer oder sozialer Herkunft auf Bildung und gerecht verteiltem Wohlstand.

Für ein würdevolles Leben, gegen Strukturen, wo die nicht mehr erwerbstätigen nur noch als Kostenfaktoren betrachtet werden.

Gegen eine Welt mit einer Geldpolitik in der die Unternehmen alles zählen und die Menschen bestenfalls noch als preiswerte Arbeitskräfte gelten. Für mehr Achtung gegenüber Natur und Umwelt.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Zunächst mal die Erkenntnis und Anerkennung, dass wir weder in der Schweiz noch global allen die gleichen Chancen eingestehen. Mut, Ausdauer und Beharrlichkeit etwas zu ändern. Lösungsansätze ausserhalb der gewohnten Strukturen.

Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles verbessert, doch blieben Strukturen, welche männliche Arbeitnehmer wirtschaftlich bevorzugen. Letztlich macht sich dies besonders bei der Altersvorsoge bemerkbar, wo besonders viele Frauen von Altersarmut betroffen sind.

Wovon träumen Sie?
Meine Ideen, seien sie auch noch so innovativ, betrachte ich nicht als Träume, sondern als Teil dessen, für was ich einstehe.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin bei vielem froh, es erreicht zu haben, aber Stolz empfinde ich deshalb eigentlich nicht. Glücklich fühle ich mich, heute hinstehen zu können als Frau, selbst wenn viele in mir noch den Mann sehen mögen, dabei vielleicht manchmal auch ein Vorbild sein zu dürfen.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Eine Welt in dem das Wohl aller wieder ins Zentrum rückt. Eine Welt in der sich nicht alles nur um das Stärkste, Schnellste oder Reichste dreht. Den Mut ausbrechen zu können aus festgefahrenen Strukturen. 

Persönlicher Leitsatz
„Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – Sie bekommen nichts“
Simone de Beauvoi


Frauenstimme der Woche / 11.10.2021

Alexandra Oster

Wer sind Sie?
Ich bin Alexandra Oster, 34 Jahre alt und wohne in der wunderschönen Stadt Baden.

Während ich beruflich in der Sozialen Arbeit zu Hause bin, schlägt mein Herz privat für die Kultur. So engagiere ich mich in meiner Freizeit für unterschiedliche Projekte, wie z.B. dem Kulturhaus Royal – ein ehemaliges Kino, welches heute als multimediale Bühne genutzt wird.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Als Soziokulturelle Animatorin bin ich Sprachrohr für kollektive Themen – Chancengleichheit steht dabei im Zentrum. Ziel meiner Arbeit ist, unterschiedliche Gruppen von Menschen an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens zu beteiligen. Aktuell liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit bei der Kinder- und Jugendförderung, das heisst ich bin überall da im Einsatz, wo Kinder und Jugendliche Impulse für ihre Lebenswelt brauchen. Ich unterstütze sie, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und zu formulieren. Ich schaffe Plattformen wo Kinder und Jugendliche selbst aktiv werden können und so lernen Verantwortung zu übernehmen.

Aber auch im Kulturbetrieb leben wir Diversität und setzen uns für kulturelle, künstlerische und mediale Vielfalt sowie ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis ein.

Was hat Ihre Mutter im Jahr 1971 (Abstimmung Frauenstimmrecht) gemacht/erlebt?
Meine Mutter war damals 17 Jahre alt und besuchte zu dieser Zeit das humanistische Gymnasium in ihrer Heimat Perugia, Italien. Dort trat das Frauenstimmrecht bereits 1946 in Kraft – also 25 Jahre früher als in der Schweiz. Ich selbst bin erst 1987 geboren.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Meiner Meinung nach braucht es angepasste Rahmenbedingungen die den Zugang zu gleichen Lebenschancen zulassen und damit vielfältige Lebensentwürfe überhaupt erst ermöglichen. Dazu müssen Politik, Wirtschaft und auch wir selbst in die Pflicht genommen werden. Aufklärung und die Ermutigung zum aktiven Diskurs erachte ich dabei als zentral.

Wovon träumen Sie?
Ich träume von einer Gesellschaft in der es keine Rolle spielt, welcher Ethnie, sexuellen Orientierung, welchem Geschlecht oder welcher Religion man angehört. Einer Gesellschaft, wo der Mensch mit seinem Wesen und seiner Biografie im Zentrum steht.

Und ich träume von der Lasagne meiner Nonna – viel Lasagne…

Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin dankbar für mein starkes Umfeld und stolz darauf, was man mit solch einer kollektiver Schaffenskraft alles erreichen kann.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir uns wieder vermehrt auf reale Werte besinnen und uns von der aktuellen Leistungsgesellschaft entfernen. So können wir für Solidarität, zivilgesellschaftliches Engagement und gesellschaftlichen Zusammenhalt einstehen.

Persönlicher Leitsatz
Wir lernen nie aus


Frauenstimme der Woche / 04.10.2021

Marianne Wildi

«Informatik ist auch für Mädchen etwas supercooles»

Marianne Wildi ist bekannt als Vorsitzende der Geschäftsleitung der Hypothekarbank Lenzburg und als Präsidentin der Aargauischen Industrie- und Handelskammer. Seit 2018 ist sie die bislang einzige Frau im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankiervereinigung. Das sind Positionen, die sie in der Karriereplanung gar nicht angestrebt, aber mit ihrem pragmatischen Engagement, ihrer Begeisterung für Neues und Spannendes, die sie in zahlreiche Weiterbildungen investierte, erreicht hat. Nach dem ersten Blick auf diese – unvollständige! – Auflistung käme man nicht darauf, dass Marianne Wildi zusätzlich zu ihrer Professionalität im Banken- und Wirtschaftsbereich eine Pionierin auf dem Gebiet der Finanztechnologie ist. An der im Vergleich mit Grossbanken wie der CS oder UBS kleinen Hypothekarbank Lenzburg entwickelte sie mit ihrem Team ein eigenes Bankenprogramm, das erfolgreich auch von einigen weiteren Banken eingesetzt wird.

So offen und innovativ wie ihr Bankenprogramm zeigt sich auch Marianne Wildi, die, was etwa Personalpolitik angeht, längst im 21. Jahrhundert angekommen ist. Frauen als Einstellungsrisiko, weil sie schwanger werden könnten? Das ist für sie irrelevant. «Männer bleiben auch nicht für immer im selben Job, und die Frauen kommen wieder zurück ins Berufsleben. Heute gibt es junge Männer, die zuhause auf die Kinder aufpassen und nicht mehr 100 Prozent arbeiten wollen. Das ist doch toll, die arbeiten dann Teilzeit», sagt sie. «Bei uns haben wir auch eine Stelle, die auf zwei Frauen aufgeteilt ist, jede arbeitet 50 Prozent. Es gibt immer mehr solche Arbeitsmodelle und mit der Zeit wird das normal.»

Es waren andere Zeiten, als sie 1984 mit 19 Jahren nach dem Abschluss der Handelsdiplomschule bei derselben Bank, der sie heute vorsteht, ihre Laufbahn in der Informatikabteilung begann, und sie zum ersten und einzigen Mal eine noch nicht völlig verschwundene Form von Diskriminierung erlebte: Das «Pay-Gap». Ungleichbehandlung von Mann und Frau wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihre Mutter arbeitete als Lehrerin, Tochter Marianne half mit in der Schreinerei des Vaters, sie und ihre Brüder wurden gleich erzogen. «Aber als ich anfing, verdiente ich weniger als ein Mann», sagt sie. «Das war diesen falschen Rollenbildern geschuldet: Der Mann sorgt für die Familie und die Frau bleibt daheim. Ich habe das später bemerkt, und ich war schon etwas beleidigt. Aber das ist ja ewig her», sagt sie und lacht. Als Programmiererin war sie damals, als in der Informatik Frauen mit der Lupe gesucht werden mussten, wie sie sich erinnert, ohnehin: «ziemlich exotisch».

Sie ist überzeugt, dass Informatik etwas «supercooles» ist auch für Mädchen, und freut sich sehr über den ICT Scouts/Campus, für dessen Einrichtung in Lenzburg sie sich eingesetzt hatte. Eröffnet im Herbst 2020 wird er nun dieses Jahr nach der Sommerpause fortgesetzt. Das Scouting-Programm ist in der Schweiz einzigartig: Junge Talente werden bereits in der Primarschule gesucht und dann kontinuierlich gefördert. «Wie beim Fussball», sagt Wildi: «Sie werden abgeholt, bevor die Mädchen und Jungs darauf kommen, dass sie Vorurteile haben müssten, wie etwa, dass Computer nichts für Mädchen sind, die in Mathe sowieso nicht mitkämen.» Dieser kommenden Generation wünscht sie für die Zukunft eine Zeit ohne Kriege und die sozialen Ungleichheiten, die in einer Form von «Pay Gap» zwischen Berufen, die zu gering entschädigt werden – wie etwa diejenigen in der Pflege –, und Löhnen in Millionenhöhe für die, wie sie sagt «Ausreisser» gegen oben, immer ausgeprägter werden. Grosse Träume für sich selbst habe sie nicht, meint Marianne Wildi, da sie glücklich in ihrem Beruf und ihrer Umgebung lebe – sichtlich jenseits jeglicher Klischeevorstellungen, die man sich von einer Frau, die in Personalunion Bankchefin, Informatikexpertin und nicht zuletzt leidenschaftliche Blasmusikerin ist, machen könnte.


Frauenstimme der Woche / 28.09.2021

Christine Egerszegi-Obrist

Wer sind Sie
Christine Egerszegi-Obrist, Frau, Mutter, Grossmutter, Freundin, Französisch- und Italienischlehrerin, Musikbegeisterte, Kulturförderin, langjährige Politikerin auf allen Ebenen (Schulpflegerin, Stadträtin, Grossrätin, Nationalratspräsidentin Ständerätin), Expertin für Sozialversicherungen und Gesundheitspolitik, Ansprechsperson für Gremien in denen Erfahrung weiterhelfen kann, auch immer noch auf Bundesebene.

Wofür erheben Sie ihre Stimme
Für Gerechtigkeit, für Wertschätzung unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, für den Wert kultureller Tätigkeiten in einer Gesellschaft, in der so vieles nur über Kosten definiert wird. Für gute und tragfähige Kompromisse.

Wie haben Sie das Jahr 1971 erlebt
Ich habe mich – im Gegensatz zu meiner Mutter – 1971 nicht für Politik interessiert. Sie hat mich nach Annahme des Frauenstimmrechtes an die nächste Gemeindeversammlung «geschleppt», weil sie überzeugt war, dass wir Frauen mitbestimmen müssen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu
Die Überzeugung der Gesellschaft, dass jeder Mensch besondere Talente hat. Es ist unsere Aufgabe mit einer ganzheitlichen Bildung Möglichkeiten zu bieten, dass alle ihre Fähigkeiten erkennen, entwickeln und einsetzen können.

Wovon träumen Sie
Dass Corona endlich vorbei ist und wir in allen Kulturbereichen nicht nur planen, einstudieren und proben können, sondern auch umsetzen, vorstellen, spielen dürfen.

Worüber sind Sie besonders zufrieden
Mit freundlicher Hartnäckigkeit ist es mir ein paar Mal gelungen entscheidende Lösungen auf politischer Ebene zu erreichen, wie die Einführung der Aufsicht über die Krankenkassen, die bisher einzige Revision des Gesetzes der Pensionskassen oder den Verfassungsartikel «Jugend und Musik», der die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen fördert.

Was ist ihr Wunsch für die Zukunft
Gesundheit

Persönlicher Leitsatz
Wer nicht aussät, kann auch nicht ernten


Frauenstimme der Woche / 20.09.2021

Belinda Pierre

Wer sind Sie?
Mein Name ist Belinda Pierre, ich bin 33 Jahre alt und wohne in Mellingen. Seit 18 Jahren bin ich aktive Fussball Schiedsrichterin, 11 Jahre davon international. Nebenbei bin ich seit 2018 Inhaberin der Praxis Motimotion, führe ein 10-köpfiges Team und arbeite als Physiotherapeutin und Ernährungsberaterin. Am 30. Juni 2021 durfte ich mein erstes Kind in die Arme schliessen und bin seither glückliche und stolze Mama unserer Melody.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Respekt, Toleranz, Dankbarkeit, Offenheit und Anstand sind für mich einige der wichtigsten Werte. Ich würde mir weniger Egoismus und mehr Rücksichtnahme in der Gesellschaft wünschen.    

Was hat Ihre Mutter 1971 erlebt?
Im Jahr 1971 war meine Mutter 11jährig und hatte noch kein Bewusstsein über die Konsequenzen des Frauenstimmrechtes. Die Frauen in meiner Familie akzeptierten damals die Unterdrückung der Frauen durch den Mann und lebten in ihren traditionellen Schemata. 

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Um eine Chancengleichheit zu erzielen, braucht es starke Persönlichkeiten, die für die Rechte aller Gruppierungen einstehen. Es braucht jedoch auch die Gesellschaft, die lernt zu akzeptieren, zu anerkennen und offen ist für Veränderungen.

Wovon träumen Sie?
Ich träume von einer Welt, wo Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Rasse oder ihrer Sexualität in allen Bereichen als Ganzes betrachtet und ihre Leistungen akzeptiert werden.

Persönlich ist mir wichtig, diese Werte meiner Tochter auf ihren Lebensweg mitzugeben und ihr in allen Belangen ein Vorbild zu sein.  

Worauf sind Sie stolz?
Ich durfte als Schiedsrichter Assistentin beim UEFA Champions League Finalspiel 2015, U20 Weltmeisterschafts Final 2016 und Europameisterschafts Final 2017 dabei sein. Zu meinen sportlichen Highlights zähle ich jedoch auch viele Begegnungen auf und neben dem Fussballplatz mit Schiedsrichterkollegen, Spielern, Trainerstaff oder Zuschauern und die dabei erhaltene Anerkennung, dass Frauen in einem männerdominierten Mettier genauso gut sein können, wie die männliche Konkurrenz.

Mit 33 Jahren ein erfolgreiches Unternehmen zu führen, Ehefrau und Mutter zu sein und auch Zeit in Bildung und Sport zu investieren – ja, ich denke, wir Frauen können vieles unter einen Hut bekommen und moderne Strukturen vorleben.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Obwohl ich persönlich Social Media täglich konsumiere, wünsche ich mir für die Zukunft eine ehrliche und direkte Kommunikation ohne Filter, Retusche und Schönrederei. Ich wünsche mir ehrliche, natürliche Vorbilder, die für die nächste Generation nahbar scheinen und weniger Druck in der Gesellschaft erzeugen, etwas Unerreichbares erreichen zu müssen.

Persönlicher Leitsatz
Wenn jemand zu dir sagt „Das geht nicht!“ dann denke daran: Es sind seine Grenzen – nicht deine.


Frauenstimme der Woche / 13.09.2021

Dr. Katharina Könitzer

„Wir Frauen sollten Schwesternschaften bilden“

Die Frauenärztin Katharina Könitzer aus Aarau wünscht sich eine Welt, in der neue Strukturen mutig ausprobiert und gelebt werden dürfen.

Wer sind Sie?
Ich bin Frau, Mutter, Tochter, Freundin, Geliebte, Frauenärztin, Forscherin und Unterstützerin der Weiblichkeit.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Für Gerechtigkeit: gleiche Rechte für alle Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Reichtum. Für Frauengesundheit: Ich stärke Frauen in ihrem Sein, in ihrem Wohlbefinden und in ihrer Gesundheit.  

Bei der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts 1971 waren Sie noch gar nicht auf der Welt…
Nein, vermutlich habe ich von meinem Stern aus beobachtet, welche Energien auf der Erde frei werden und mich entschieden, mich auf den Weg zu machen, um mitzuhelfen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Zugrunde liegt ein ureigenes Selbstverständnis in jeder und jedem von uns, dass Erfolg und Zufriedenheit von Interessen und Passionen getragen werden. Alle Menschen sollen die Möglichkeit und den Mut haben ihrer Leidenschaft nachzugehen. Bildung, Mentoring, Schutz, Respekt und gleiche Bedingungen in der Arbeitswelt sowie im Privatleben sind für alle zugänglich und frei verhandel- und wählbar.

Wovon träumen Sie?
Von einer friedlichen Welt, in der wir achtsam mit Menschen, Tieren und Umwelt umgehen.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich mich in meiner hierarchisch geführten Berufswelt ausbilden lassen durfte und dabei mich und mein Frausein, beruflich und privat, nicht verloren habe.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass alle Menschen die gleichen politischen und gesellschaftlichen Rechte und Möglichkeiten haben. In der Schweiz haben wir in den letzten fünfzig Jahren viel erreicht, dafür bin ich allen dankbar die gekämpft und ein Bewusstsein dafür entwickelt haben. Dieser Gedanke darf sich auf der ganzen Welt verbreiten und manifestieren. Ich wünsche mir, dass wir Frauen einander solidarisch, wertschätzend und mit offenen Herzen begegnen und Schwesternschaften bilden. Ich bin überzeugt, dass wir damit auch die Männer unterstützen, sich in der „neuen“ Gesellschaft und in den Partnerschaften wohler und sicherer fühlen.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen und Männer befreit von gesellschaftlichen Glaubenssätzen ihren Weg in Frieden und Liebe gehen können. Eine Welt in der neue Strukturen mutig ausprobiert und gelebt werden dürfen.

Ihr persönlicher Leitsatz?
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Antoine de Saint-Exupéry


Frauenstimme der Woche / 06.09.2021

Sabine Schneider

Wer sind Sie?
Ich bin Sabine Schneider, 45 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und unseren drei jugendlichen und erwachsenen Kindern im Zurzibiet, genau genommen in Fisibach. Ich arbeite 50% als Gemeindeschreiber-Stellvertreterin. Wir führen den Bauernbetrieb ‚Sonnenhof‘ sowie einen kleinen Marktstand. In meiner Freizeit engagiere ich mich für die Landfrauen, gehe walken oder lese gerne ein gutes Buch (am liebsten Biographien).

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Mir ist es wichtig, dass sorgsam mit den Lebensmitteln umgegangen wird. Ich habe Mühe, wenn meine Kinder berichten, dass in der Kochschule grüne Kartoffeln weggeworfen werden. Auch aus einem Apfel mit einem Wurm kann noch wunderbares Apfelmus oder gedörrte Apfelstücke entstehen. Es sollte zudem wieder mehr einheimische Produkte für den Winter eingemacht werden. Gemixte Erdbeeren im Winter schmecken einfach wunderbar!

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?
Da war ich noch nicht auf der Welt. Der Einsatz der Frauen hat sich gelohnt. Ich nehme an jeder Abstimmung / Wahl teil und freue mich über dieses Recht.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Es braucht noch viele gesellschaftliche Veränderungen. Gut ausgebildete Frauen sollten die Möglichkeit erhalten, auch leitende oder stellvertretende Funktionen in einem Teilzeitpensum ausführen zu können. Job-Sharing-Modelle sollten die Zukunft sein. Dies benötigt auch ein Umdenken bei der Pensionskasse. Dieses System ist weiterhin für ein 100-Prozent-Arbeitspensum ausgelegt. Meiner Ansicht nach sollten auch Kleinstpensen in der Pensionskasse versichert sein. Daher müsste der Koordinationsabzug gestrichen oder mindestens dem Beschäftigungsgrad angepasst werden.

Wovon träumen Sie?
Von einer Welt ohne Corona und anderen schlimmen Krankheiten. Von einer Welt ohne Krieg. Von einer Welt ohne Neid, Diskriminierung und Missgunst.

Und für mich ganz persönlich von einer kleinen Weltreise.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bekam jung Kinder und bin dankbar, dass ich trotz Familie stets Teilzeit arbeiten konnte. Dies dank der Hilfe meiner Mutter, den Schwiegereltern sowie meines Mannes in der Kinderbetreuung. Ich bin stolz, dass ich Familie, Haushalt und die Arbeit auf dem Landwirtschaftsbetrieb unter einen Hut bringen konnte. Die Ausbildung zur Gemeindeschreiberin erfolgreich abgeschlossen habe. Natürlich bin ich auch stolz auf meine drei Kinder. Jedes macht seinen Weg.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Dass es für die nächste Generation selbstverständlich ist, dass Mann und Frau sich die Kinderbetreuung teilen. Ich wünsche mir, dass alle Länder sorgsam mit der Umwelt umgehen. Das alle Menschen die gleichen Chancen für eine Ausbildung erhalten.

Persönlicher Leitsatz
Du kannst den Wind nicht ändern, aber du kannst die Segel anders setzen“ (Aristoteles)


Frauenstimme der Woche / 30.08.2021

Rebekka Campiche

Wer sind Sie?
Ich bin eine kreative, junge, aufgestellte Frau und frisch gebackene Mama. Zusammen mit meinem Mann und Sohn wohne ich im Oberen Seetal. Beruflich bin als Lehrerin für Technisches Gestalten (Werken) tätig und unterrichte an der Oberstufe.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?
Mir sind Familie und echte Freundschaften wichtig. Daneben brauche ich Freiraum für Kreativität, eigene Ideen und Projekte.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?
Da habe ich mich hinter dem Mond versteckt.

Was bedeutet Ihnen Chancengleichheit?
Chancengleichheit ist mir wichtig, aber es geht mir dabei nicht nur um die Rechte und Chancen von Frauen. Für mich stellen sich weitere Fragen: Wie können wir als Gesellschaft faire Bedingungen für alle schaffen? Zählen die Persönlichkeit und Fähigkeiten eines Menschen oder ist der Nachname und das Diplom wichtiger? Integrieren wir auch «Leistungsschwächere» und bekommen diese die Möglichkeit ihre Stärken einsetzen? Werden alle Jobs bei uns in der Schweiz genügen entlohnt, damit das Geld für eine Familie reicht und auch diese etwas für die Zukunft/das Alter auf die Seite legen kann?

Ich bin gefordert, mein Denken und Handeln immer wieder zu reflektieren und so in meinem Umfeld und meiner Arbeit einen Beitrag zur Chancengleichheit zu leisten.

Von was träumen Sie?
Mich Selbständig zu machen und mit meiner Kreativität Geld zu verdienen.

Das Leben in der Schweiz ist…
…beschaulich.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Mein Wunsch ist, dass wir die Vielfalt der Menschen und der Gesellschaft schätzen lernen. Dass verschiedene Meinungen und Lebensstile, konservative und liberale Ansichten, ihren Platz haben dürfen, ohne dass Menschen deswegen gleich in eine Ecke gestellt werden.

Leitsatz für das Leben
Behandle deine Mitmenschen so, wie du selbst gerne behandelt werden möchtest.


Frauenstimme der Woche / 23.08.2021

Anina Sax

Wer sind Sie?
Ich bin Anina Sax, 32 Jahre alt, aufgeschlossen, aktiv, verantwortungsbewusst, freundlich und positiv. Ich habe Politikwissenschaften und Öffentliches Recht studiert und bin heute für die Wahlen und Abstimmungen im Kanton Aargau verantwortlich.

Wofür erheben Sie ihre Stimme?
Ich setze mich dafür ein, dass Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung und ihrem Einkommen gleiche Chancen und Möglichkeiten haben. Das gilt sowohl für alle, die in der Schweiz leben, als auch für Menschen aus anderen Teilen dieser Welt. Denn als Einwohnerinnen und Einwohner der reichen Schweiz tragen wir auch für die Chancen und Möglichkeiten dieser Menschen eine Verantwortung.

Was haben Sie im Jahre 1971 erlebt?
Ich war 1971 noch nicht auf der Welt. Ich bin allen Frauen – und Männern – enorm dankbar, welche damals mit grossem Engagement und Durchhaltewillen für das Frauenstimmrecht gekämpft haben, sodass dieses für mich heute eine Selbstverständlichkeit ist.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Eine wichtige Voraussetzung für Chancengleichheit ist aus meiner Sicht ein bereites Bewusstsein und einen Konsens darüber, dass diese auf vielen Ebenen noch nicht gegeben ist und dass sich von alleine auch nichts daran ändert. Daneben braucht es ein offenes Ohr und ein ehrliches Interesse für die Anliegen und Bedürfnisse der Mitmenschen. Man muss über den eigenen Tellerrand schauen können.

Es braucht auf allen Ebenen konkrete Bestrebungen und insbesondere auch politische und gesellschaftliche Strukturen, welche explizit zur Förderung der Chancengleichheit beitragen. Das fängt mit der Schule an und geht weiter bei Themen wie gerechte Löhne, Lohngleichheit, Anerkennung von Care-Arbeit, Gewalt gegen Frauen, Integration von Flüchtlingen, Barrierefreiheit, gerechte Sozialversicherungssysteme, LGBTIQ-Rechte, faire Mode, fairer Handel, …. Die Liste ist lang.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Als Leiterin von Jungwacht Blauring und danach als J+S-Kursleiterin und –Coach habe ich früh gelernt, Verantwortung zu tragen, Führungsrollen wahrzunehmen und mit sehr gemischten Teams zusammenzuarbeiten. Daneben haben Auslandaufenthalte und diverse berufliche Herausforderungen bereits neben dem Studium zu meiner Selbstständigkeit und zu Vertrauen in mich selbst beigetragen.

Ich bin überzeugt, dass mich diese Erfahrungen bis heute prägen und mich dahin gebracht haben, wo ich aktuell bin. Dafür bin ich vor allem sehr dankbar und freue mich, auf alles was noch kommt.

Was ist ihr Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir – gemeinsam mit der nächsten Generation – nicht aufhören, für eine gerechtere Welt einzustehen. Ich hoffe, dass dadurch die Liste der Themen, bei welchen hinsichtlich Chancengleichheit Handlungsbedarf besteht, mit der Zeit kürzer wird.


Frauenstimme der Woche / 17.08.2021

„Ich verfasse eine lesbare Variante des Lebens.“

Autorin Margrit Schriber schreibt über Frauen, die zu früh die Bühne der Welt betreten haben.

„Ich wurde 1939 in der Innerschweiz geboren und bin am Vierwaldstättersee am Fuss der Berge aufgewachsen. Mein Vater war ein sogenannter Wunderdoktor. Wie der Vater meines Vaters. Sie waren berühmt für eine seherische Gabe und ihre unerklärlichen Heilungen. Ratsuchende sind zu ihnen gepilgert und standen auf der Strasse Schlange. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir vor 30 Jahren seine Vision von der bösen Krankheit eröffnet hat, die bald über die Menschen komme und sie stark dezimiere. Covid-19 hat mich also nicht überrascht. Ich bin in diesem Milieu von Geheimnis und Unerklärbarem aufgewachsen. Es war mein Glück, denn ich habe die Gabe geerbt, in mich hinein zu horchen und Szenen zu sehen. Dies hat mir meine Arbeit als Schriftstellerin erleichtert.

Das Auflebenlassen von Zeiten und Lebensumständen fasziniert mich. Die Zeit rast. Jahrhunderte verfliegen. Was bleibt von einer Epoche? Ruinen, Schutt und manchmal künden eingeritzte Zeichen von einer vergangenen Kultur. Sie erzählen von jenen Menschen. Auch ich wollte Zeichen ritzen.

Als Frau stelle ich Frauen in den Mittelpunkt meiner Erzählungen. Lasse mich leiten von ihren Träumen, ihren Begabungen, ihren Auftritten und Grenzen. Es gibt so viel, das uns zu ungeahnten Höhenflügen aufschwingen lässt. Und es gibt tausend Möglichkeiten zu scheitern. Ich möchte genau hinsehen. Was umgibt und bewegt uns? Wie sind wir? Können wir uns ändern? Was gelingt und zerschmettert uns? Ich verfasse eine lesbare Variante des Lebens.

Ich habe das Schreiben von der Pike auf gelernt und hart an meiner Sprache gearbeitet. 1971, ein wichtiges Jahr für uns Frauen und für die Demokratie, war für mich privat ein schwieriges Jahr. Meine Ehe kriselte, ich musste lernen, für mich selbst einzustehen. Doch ich hatte ein Ziel. Mein erstes Buch verfassen. Und dies ohne jede Unterstützung und Ermunterung. Meine Kenntnisse zum Schreiben waren gleich Null. Ich wusste nur, dass ich gute Literatur machen möchte. Aber wie? Ich las viel und zerpflückte den Erzählaufbau von Gegenwartsautoren. Mit der Zeit gelang es mir, eine Geschichte von Szene zu Szene zum gewünschten Ende zu führen. Vor allem lernte ich, auf meine eigene Stimme zu hören. Mit dieser Anstrengung wurde jenes Schicksalsjahr auch zu meinem eigenen. Ich habe mich geformt. Damit wurde ich zu einem Menschen mit Stimme. Im doppelten Sinn: einmal als Wählerin, einmal als Berufsfrau. Bald darauf erschien mein erster Roman. Danach folgte Buch auf Buch. Die Romane handeln von Frauen, ihrem Mut aber auch ihrem Scheitern.

Zum Beispiel "Das Lachen der Hexe" über Anna Maria Schmidig aus dem Muotathal. Sie wurde vor 180 Jahren als Hexe getötet. «Das zweitbeste Glück» zeigt Julie, die Schwester des legendären Fliegerhelden Oskar Bider, nahm sich vor hundert Jahren das Leben, weil sie als Schauspielerin und femme fatale nicht der Vorstellung der Gesellschaft entsprach. „Syra die Stripperin“ war vor achtzig Jahren das erste schweizerische Glamourgirl. Die international gefragte Tänzerin wurde als eine der schönsten Frauen der Welt gefeiert und auch in den Mord an Kennedy verwickelt. Sie galt jedoch nicht viel mehr als jedes Luxusmarkenzeichen auf der Kühlerhaube eines Autos. Sie starb vergessen und verarmt.

Diese Frauen hatten eines gemeinsam: Sie betraten zu früh die Bühne der Welt. Für Frauen war die Zeit der grossen Auftritte noch nicht reif. Die Gesellschaft hat korrigierend eingegriffen und deren Träume gesenkelt.

Ich bin stolz auf die Wirkung meines Romans «Die hässlichste Frau der Welt», denn das Schicksal der Bartfrau Julia Pastrana, die im Jahr 1750 in einem Affenkäfig dem sensationslüsternen Publikum in Europa vorgeführt worden ist, hat meine Leserschaft aufgerührt. Manager Lent schwängerte seine Bartfrau in der Hoffnung, das Kind erbe die Haarkrankheit.  Seine Berechnungen wurden erfüllt. Doch Kind und Mutter starben bei der Geburt. Lent liess die Leiche von seiner Frau und seinem Kind ausstopfen. Er tingelte mit diesen mit gewaltigem Erfolg durch ganz Europa. Dank der Aufklärung wurde diese Vorführung verboten. Nach dem Krieg tauchten die Exponate in einem forensischen Museum in Norwegen auf. Meine Leser und ich richteten eine Petition an das Norwegische Königshaus und baten Julia Pastrana endlich ein Grab zu geben. Der König antwortete, es fehle ihm dazu die Macht. Aber zwei Jahre später wurde der Leichnam unter Entschuldigungen des Staats in ein Flugzeug geladen und mit grossem Pomp in ihrem Heimatland Mexiko begraben.  

Mein nächstes Thema widme ich wieder ganz den Frauen von Heute «Das Abenteuer eine Frau zu sein» wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Jedes Buch, das ich verfasse ist ein Tanz auf Probe. Ich glaube an den Tod. Ich glaube auch ans Leben. Dieses ist ein einmaliges Geschenk. Einzigartig und spannend. Aber unfassbar kurz. Man darf es nicht vergeuden. Ein Menschenleben ist in diesem grossen Ganzen nur ein Aufblitzen. Doch man gehört dazu. Das ist was zählt. Für mich bedeutet diese kurze Spanne eine Chance, die ich wahrnehmen möchte, ehe meine Blitzzeichnung verblasst.


Frauenstimme der Woche / 09.08.2021

Elisabeth Lehner

«Ich wollte zeigen: Wir Frauen sind auch wer!»

Elisabeth Lehner arbeitete als Fabrikarbeiterin und geniesst heute ihren Garten und die Nachbarschaft. Im zweiten Weltkrieg wurde sie beinahe ausgeschafft.

«Ich wohne im besten Quartier in Aarau!» Elisabeth Lehner, im letzten Jahr 90 geworden, erzählt begeistert von ihrem Reihenhäuschen und ihren lieben Nachbarinnen und Nachbarn. «Das gibt es nicht überall, dass Jung und Alt so zueinander halten. Sie schauen zu mir, kommen vorbei oder die kleinen Kinder rufen schon ‚Salü Bethli‘, wenn sie mich im Garten sehen. Das ist doch einfach schön!»

Schön findet sie auch die langen Jahre, die sie bei der Firma Grob Textilien AG in Horgen beschäftigt war. Als Hilfsarbeiterin eingestellt, wurde sie bald ausgebildet und konnte dann «überufä», wie sie schmunzelnd sagt, und ihre neue Stellung als «Meisterstellvertreterin» bezeichnet. «Das war eine wunderbare Firma», sagt sie. Die Herren seien zwar selten in ihrer Abteilung – einer Frauenabteilung – vorbeigekommen, doch für die Chefin Frau Grob hat sie nur lobende Worte. Unvergesslich die Weihnacht, an der diese den Arbeiterinnen selbstgemachte Guetzli überreichte.

Wichtig waren ihr vor allem die Kolleginnen. «Von überall her sind sie zu uns gekommen.» In ihrer Abteilung arbeiteten mehrheitlich Frauen aus Spanien und Italien: im Akkord. «Wir mussten viel und hart arbeiten», erzählt die geborene Buchserin, «wohltuend war es aber, wenn wir ein Lied auf Italienisch sangen und dann wieder eins auf Schwiizertütsch.»

Als Lehner und ihr Mann, der früh verstarb, ihr Häuschen in Aarau kaufen wollten, stand ihr die Firma mit einem Darlehen zur Seite.

Elisabeth Lehner ist spürbar stolz auf die Fabrik, die weltweit Bestandteile für Webmaschinen der Textilindustrie lieferte. Dass der Betrieb eines Tages nicht mehr existieren würde, hätte sie nie gedacht. Geblieben sind ihr – Vorarbeiterin war sie 39 Jahre lang – die Kontakte mit den Kolleginnen. «Noch heute bekomme ich Kärtchen oder Anrufe von überall her, zu meinem neunzigsten Geburtstag kam aus Spanien – per Auftrag – ein riesiger Blumenstrauss.» Die Ansichtskarten aus aller Welt stehen bei ihr auf dem Buffet im Wohnzimmer.

Den Kampf um die Stellung der Frau habe sie nicht so recht  mitbekommen, sagt sie, fügt aber in bestimmten Ton hinzu, dass sie seit 1971 immer abstimmen gegangen sei, einzig jetzt nicht, während der Coronazeit. «Das ist für mich wunderbar gewesen, dass wir auch mitentscheiden durften, und ich habe die Unterlagen immer durchgelesen, um zu sehen, was recht ist für mich. Wir waren ja Arbeiter, und da habe ich schon geschaut, dass das Arbeiterrecht auch zum Zuge kommt. Wichtig war mir, zu zeigen: Wir Frauen sind auch wer! Nicht nur die Männer oben, die das alles in der Hand hatten.»

Nachdenklich wird sie, als sie sich daran erinnert, dass ihrer Familie am Anfang des zweiten Weltkrieges die Ausweisung gedroht hatte. «Wir hätten raus sollen! Damals war das furchtbar», sagt Lehner. Ihr Vater, obwohl in der Schweiz aufgewachsen, war tschechischer Staatsbürger gewesen und die Mutter hatte durch die Heirat ihr Schweizer Bürgerrecht verloren. «Weder meine Eltern noch wir Kinder kannten die Sprache oder die Gegend, in die wir mitten im Krieg verwiesen worden wären. Meine Mutter hat sich fast hintersinnt», so Lehner. «Sie war ja keine Dame, sie war ein Bauernmädchen, und der Vater hat auf dem Bau gearbeitet. Wir gehörten eben zu den Armen, nicht zu den Reichen.» Die Erleichterung und Dankbarkeit dafür, dass die Gemeinde Buchs sich für die Familie eingesetzt hatte, und sie bleiben durften in dieser schweren Zeit, waren gross.

Dankbarkeit und Zufriedenheit sind die Hauptsachen in Bethli Lehners Erinnerungen und in ihrem Alltag. Im Häuschen in der Herzbergsiedlung, die damals «von den Fabrikherren für die Arbeiter gebaut wurde», ist ihr nie langweilig.

Fast kommt es einem vor, als wäre sie ab und zu wieder auf dem Boot, das ihr Mann gebaut hatte. Mit dem fuhr sie, nachdem sie die Schifferprüfung abgelegt hatte, in der Freizeit auf den Zürichsee, um ein wenig zu träumen oder an der Insel Lützelau anzulegen, wo sie über die Jahre manche Stunden mit Freunden verbrachte hatte.

Ihr Wunsch für die Zukunft ist, dass sie noch ein Weilchen so zufrieden wie sie ist, leben kann, und wenn es an der Zeit ist, friedlich gehen zu können.


Frauenstimme der Woche / 03.08.2021

Irene Leuenberger

«Anpacken ist die Devise: Die Opferrolle ablegen und aktiv werden!»

In der elterlichen Metzgerei in Schlossrued war Anpacken die Devise. Irene Leuenberger-Rufer, 1938, kurz vor dem zweiten Weltkrieg geboren, erlebte als Kind, dass der Vater als Offizier abwesend war, und die Mutter die Verantwortung für Familie und Betrieb trug.

«Das war die Generation von Frauen, die kommentarlos die Führung übernommen und sich durchgebissen haben. Das machte sie zu starken Vorbildern», erzählt sie. Dass die Frauen, die Leben und Arbeit im Krieg ohne die Männer gemeistert hatten, im Frieden wieder zurückgestuft worden seien, mag sie so nicht gelten lassen: «Es hat immer starke und weniger starke Frauen gegeben, schon zu Gotthelfs Zeiten. Eine Appenzellerin in meinem Alter erzählte mir einmal, dass ihre Mutter den Säbel geputzt, und dem Vater auch gleich gesagt habe, was er bei der Landsgemeinde abstimmen soll. Das war sicher kein Einzelfall.» Irene Leuenberger lacht. Keine Einzelfälle waren auch die Geschichten vom Vater, der vom Lohn nur so viel abgab, wie er für richtig hielt, und die Mutter verpflichtete, über alle Ausgaben Rechenschaft abzulegen. «So etwas kannte ich weder von zu Hause her noch in meiner Ehe», sagt sie, «aber ich danke Gott, dass ich jetzt eine andere Zeit erlebe. Mein Mann und ich hatten noch unter dem alten Eherecht geheiratet. Wenn ich zurückdenke, dass ich jung und verliebt so etwas unterschrieben habe, dann kommen mir fast die Tränen.»

Undenkbar, dass Irene Leuenberger, ganz gleich unter welchem Eherecht, je um die «stillschweigende oder ausdrückliche Bewilligung des Ehemannes» gebeten hätte, um einen Beruf ausüben zu dürfen – sie arbeitete Vollzeit bis zur Geburt der ersten ihrer drei Töchter, später Teilzeit – oder für ihre vielen politischen Tätigkeiten. «Wenn mein Mann mich nicht immer unterstützt hätte», sagt sie, «hätte ich das alles nicht machen können. Aber das war gegenseitig. Wir lebten immer das ‘Miteinander und Füreinander’, ohne das es meiner Ansicht nach nirgends geht.»

Lange schon hatte sich Irene Leuenberger in Vereinen und Kommissionen engagiert. Aber 1971 ging es richtig los. «Damals in erster Linie Mutter und Hausfrau mit einem kleinen Pensum in der Verwaltung der Krankenkasse» – half sie mit, als im Bezirk Brugg die Frauengruppe der FDP gegründet wurde. Zuoberst auf dem Programm stand Staatskundeunterricht für die Neuwählerinnen und potenziellen Kandidatinnen für politische Ämter. Auch später, während ihrer zehnjährigen Amtszeit als Präsidentin der Frauenzentrale Aargau – etwa als das neue Eherecht eingeführt wurde – und als Stadträtin in Brugg, hatte für sie Beratung, Information und das Einstehen für die Belange der Frau hohe Priorität. Bis heute geht es ihr um «Empowerment», und das beginnt ihrer Ansicht nach schon in der Kinderstube. «Es muss noch viel in unseren Köpfen passieren», meint sie, und fügt mit Bestimmtheit hinzu: «Alle Mütter müssen Töchter und Söhne gleichwertig erziehen. Die «Prinzenrolle» für Jungen hat ausgedient, und wir Frauen müssen die Opferrolle ablegen und aktiv sein!»


Frauenstimme der Woche / 26.07.2021

Sara Borela Wildi

„Ich bin eine Kämpfernatur“

„Ich möchte ein Vorbild für andere sein“

Wer sind Sie?
Ich bin Sara, 51 Jahre alt, Mutter von einem Sohn und bin selbstständig erwerbend. Ich bin eine Kämpfernatur, dies resultiert aus meinen Erlebnissen in der Schweiz.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Ich stehe ein für Respekt gegenüber allen Menschen. Mir ist es wichtig, sich gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen, da jeder Mensch gleich und wertvoll ist.

Sie waren im Jahr 1971, als das Frauenstimmrecht angenommen wurde, zwei Jahre alt. Wissen Sie, wie Ihre Mutter das erlebt hatte?
Meine Mutter hat für die Frauenrechte in Brasilien gekämpft. Sie lebte in Brasilien und hat deshalb bezüglich der Abstimmung in der Schweiz nichts mitbekommen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Die Frau sollte ein gesundes Selbstbewusstsein haben, Verantwortung übernehmen wollen und bodenständig sein. Sie sollte sich sagen: Ich schaffe das. Ich kann, wenn ich mich bewege, etwas erreichen.

Wovon träumen Sie?
Ich möchte ein Vorbild für andere sein. Gerade den Menschen, die schlechte Erfahrungen in ihrer Vergangenheit gemacht haben, will ich Folgendes weitergeben: Deine Vergangenheit definiert nicht deine Zukunft!

Worauf sind Sie besonders stolz?
Nach meiner ganzen Vergangenheit und den Erfahrungen, die ich hier in der Schweiz gemacht habe, bin ich heute stolz auf das, was ich alles erreicht habe. Ich konnte mich vor ein paar Jahren in der Reinigungsbranche selbstständig machen. 

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Dass auch die nächste Generation für die übernächste Generation Verantwortung übernimmt – in Bezug auf Sozialversicherungen, Umwelt, Politik etc.

Was ist Ihr persönlicher Leitsatz?
Dankbarkeit ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft


Frauenstimme der Woche / 19.07.2021

Lena Friedli

«Alleine Denken ist Kriminell»

Wer sind Sie?
Ich bin Lena Friedli, 36-jährig, Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin. Ich arbeite als Kuratorin und engagiere mich in verschiedener Form für Kultur. Seit November 2019 leite ich das Forum Schlossplatz in Aarau.

Wofür erheben Sie ihre Stimme?
Ich erhebe meine Stimme für eine tolerante, offene und gleichberechtigte Gesellschaft. In meinem Alltag versuche ich mich möglichst natürlich über das eigene Handeln gegen Rassismus, sexuelle Diskriminierung und für den Klimaschutz einzusetzen. Das bedeutet, nicht unbedingt möglichst viel darüber zu reden, sondern zum Beispiel selbstverständlich gleich viele Frauen wie Männer in Ausstellungsprojekte zu integrieren oder nicht mehr zu fliegen. Gleichzeitig versuche ich immer öfters anzusprechen, wenn ich eine strukturelle Ungerechtigkeit erkenne. Das ist im Übrigen auch, was mir an guter Kunst so gefällt: Sie thematisiert und begrüsst Widersprüche, anstatt sie zu glätten oder zu ignorieren.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?
Meine Mutter war damals 18-jährig und machte das Lehrerseminar (wie es damals noch hiess!). Rückblickend sagt sie, sie hätte leider nicht viel davon miterlebt. Sowohl in der Ausbildung wie auch im privaten Umfeld war die Abstimmung kaum ein Thema. Heute wünscht sie sich, sie wäre damals wacher gewesen gegenüber solchen Themen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Die Möglichkeit zur freien Wahl unabhängig von Geschlecht oder Herkunft – von Kind auf. Diese Situation können Eltern bewusst mitgestalten und beeinflussen, aber noch viel entscheidender dafür ist das System, d.h. der Staat, die Wirtschaft und die Politik. Ich denke, da haben wir noch viel vor uns, denn es geht um die konkrete Bereitschaft zur Veränderung, u.a. auch um den Verzicht des Einzelnen zu Gunsten der Allgemeinheit.

Wovon träumen Sie?
Ich träume von einer solidarischen, gleichberechtigten und nachhaltigen Gesellschaft, in der Kooperation gross geschrieben wird, Kunst einen selbstverständlichen Stellenwert hat und in der wir uns auf soziale, ökologische und konstruktive Werte besinnen, anstatt uns von individuellem Nutzen und Konkurrenz leiten zu lassen.

Worauf sind Sie besonders stolz?
auf meine Familie, auf meine Freund:innen und auf einige von mir realisierte Projekte.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Dass strukturelle Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der Hautfarbe weltweit überwunden wird.

Persönlicher Leitsatz
Allein Denken ist kriminell.


Frauenstimme der Woche / 14.07.2021

Barbara Ducceschi

Wer sind Sie
Ich bin Barbara Ducceschi, eine Optimistin. Dankbar dafür, in einem Land wie die Schweiz geboren worden zu sein und dankbar für die damit verbundenen Möglichkeiten. Es ist für mich selbstverständlich, meine Meinung sagen zu dürfen. Ich lache gerne, da ich denke, dass Lachen die beste Art ist, dem Leben die Zähne zu zeigen. Das bedeutet aber nicht, dass ich das Leben nicht ernst nehme!

Wofür erheben Sie ihre Stimme
Solidarität, Fairness und Unterstützung von Schwächeren im Sinne von Ermächtigung. Unterstützung soll aber nicht Almosen sein, Unterstützung soll Hilfe zur Eigenständigkeit sein – obwohl ich keine Freundin von Anglizismen bin, gefällt mir der Begriff „Empowerment“ sehr. Ehrlichkeit und gegenseitiger Respekt ist mir wichtig. Ich versuche, Dinge beim Namen zu nennen, dabei aber nie „auf die Person“ zu zielen.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht
Da ich sehr spät im Jahr geboren war, wurde ich erst mit dem nachfolgenden Jahrgang im Frühling 1971 in die 1. Klasse eingeschult. Dass Frauen nun auch abstimmen durften habe ich ganz bewusst mitbekommen. Seit ich mich erinnern konnte, habe ich meinen Vater zur Wahlurne begleitet und durfte seine Stimmzettel jeweils selbst in die Urne werfen. Irgendwann fragte ich, wieso meine Mutter nie mitkäme und als mir mein Vater erklärte, dass sie nicht abstimmen dürfe, hat das mein Selbstverständnis ganz gehörig durcheinander gewirbelt. Ich konnte schon damals nicht verstehen, wieso eine Frau das nicht machen dürfte…

Chancengleichheit, was braucht es dazu
Es braucht mehr Möglichkeiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen u.a. mit Teilzeitstellen, auch in Kaderpositionen.

Aber auch die Arbeit einer Frau, die nicht noch ausserhäusig erwerbstätig ist, sollte wieder vermehrt anerkannt und wertgeschätzt werden. Eine Frau, die nach Familienpause wieder ins Berufsleben einsteigen will, hat es heute extrem schwer, obwohl sie aus diesen Jahren beste Managementkenntnisse mitbringt – sie kann organisieren, ist flexibel, belastbar und vielseitig einsetzbar. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten werden jedoch kaum anerkannt. Es darf zudem nicht sein, dass Frauen, die nicht erwerbstätig sind, aber im ehrenamtlichen oder familiären Umfeld – sei es in der Kindererziehung oder der Pflege gebrechlicher Angehöriger - arbeiten keine Absicherung erhalten.

Frauen dürfen aber absolut auch noch fordernder werden. Wir Frauen müssen nicht warten, bis wir etwas zugeteilt bekommen – es steht uns zu, wir dürfen es einfordern.

Wovon träumen Sie
Ich träume von einer Welt, in der es keine Rolle spielt, welchem Geschlecht, welcher Hautfarbe, welcher Nationalität ein Mensch angehört – wir begegnen uns als Menschen und respektieren uns gegenseitig als solche. Vermutlich werde ich das aber nicht mehr erleben.

Persönlich freue ich mich darauf, wieder reisen zu dürfen, speziell nach Ostafrika zu unserem Schulprojekt, der SMK Shining Stars Academy, einer Schule in Kenia, die nach langer, pandemiebedingter Schliessung 2020 nun seit diesem Januar wieder geöffnet ist und wo beinahe 300 Kinder unterrichtet werden, vom Kindergarten bis zur 5. Klasse.

Worauf sind Sie besonders stolz
1986 bin ich im Rahmen einer Junior-Programmier-Ausbildung in die Informatik eingestiegen, war damals eine absolute Exotin unter Männern. Trotzdem gab es nur einige wenige Situationen, in denen ich als Frau „schräg“ angeschaut wurde – ich habe kaum je eine Benachteiligung erleben müssen, weder im Umgang, noch in der Arbeit. Die nächsten 20 Jahre blieb ich diesem Metier treu und es war eine unglaublich gute Zeit. Privat bin ich glücklich über die schon erwähnte Schule in Kenia – es ist unser Beitrag des „Empowerments“ von jungen Menschen.

Was ist ihr Wunsch für die Zukunft
Seid mutig und wagt etwas – und verliert nie euren Humor. Reist und lernt andere Kulturen, andere Werte kennen, erweitert so euren Horizont.

Leitsatz
(Fast) alles hat auch eine positive Seite – manchmal dauert es ein bisschen, bis man sie sieht; aber sie ist (meist) da.


Frauenstimme der Woche / 05.07.2021

Maja Zehnder, Schülerin aus Birmenstorf

„Mädchen sind genau so stark wie Jungs“

Wer bist du?
Mein Name ist Maja Zehnder, ich bin 8 Jahre alt und ich gehe in die 3. Klasse der Mittelstufe in Birmenstorf. Mein Vater ist hier aufgewachsen und meine Mutter wurde in Schweden geboren. Deshalb rede ich zu Hause schweizerdeutsch und schwedisch. Mein Bruder ist 11 Jahre alt. Ich liebe Ponys, tanze in einer Tanzschule in Brugg und lese gerne.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Dass alle nett zueinander sind und niemand streitet.

1971 wurde das Frauenstimm- und Wahlrecht eingeführt…
…da war ich noch nicht auf der Welt. 1971 wurde mein Pappa geboren, ich erst 42 Jahre später.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Ich finde, Mädchen sind genau so stark wie Jungs.

Wovon träumst du?
Ich träume von einem eigenen Pferd.

Worauf bist du besonders stolz?
Dass ich an der Weihnachtsfeier in der Kirche einen ganz langen und schwierigen Text vorgelesen habe und dass ich gut singen und tanzen kann.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass die Menschen zur Erde mehr Sorge tragen und dass das blöde Coronavirus endlich verschwindet.


Frauenstimme der Woche / 29.06.2021

Monika Jaun, Aarau

Wer sind Sie?
Seit Corona definitiv eine alte, 67-jährige Frau. Partnerin von Peter, glückliche Grossmutter, freiwillige Sterbebegleiterin, Zitherspielerin, geschätzte Freundin… dazu pensionierte Pflegefachfrau und Ausbildnerin im Gesundheitswesen, interessierte Zeitgenossin.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Für Gerechtigkeit, Freiheit und sorgfältigen Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?
Mit „17 Jahr blondes Haar“ das Jungsein, die Unbeschwertheit und die Möglichkeiten die mir junger Frau offenstanden genossen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Verbindliche Gesetze, Bewusstsein, Engagement jedes Einzelnen

Wovon träumen Sie?
Von einer friedlichen Welt, zuerst träumen und dann Schritt für Schritt etwas dazu beitragen.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin stolz auf das, was ich in meinem Leben erreicht habe beruflich und privat. Ich bin stolz, dass ich als alleinerziehende Mutter eine selbstbewusste, verantwortungsvolle Tochter grossgezogen habe. Ich bin dankbar, dass ich die Fähigkeit erhalten habe das Leben zu schätzen, mich zu hinterfragen, aus Fehlern zu lernen, den Mitmenschen eine Freude zu bereiten, Schweres zu betrauern und zu verarbeiten, um wieder heiter und mit Humor weitergehen zu können – im Bewusstsein, dass das Ende des Lebens näher rückt.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Weiterhin wünsche ich den Jungen Kraft und Durchhaltevermögen, Gelingen und Unterstützung der Alten, beim Einsatz für Klimaziele, für Frieden und Toleranz. 

Leitsatz
Sei was du bist, gib was du hast! Aus einem Gedicht von Rose Ausländer


Frauenstimme der Woche / 21.06.2021

Manuela Widmer

„Ich verstelle meine Stimme nicht, damit ich anderen gefalle.“

Wer sind Sie?
Manuela Widmer-Bardellini, 1960 geboren, aus Sarmenstorf. Eine zufriedene Allrounderin, die ihre Position in „Männerdomänen“ gefunden hat und überall immer akzeptiert wurde.

Das heisst? Wo sind Sie aktiv?
Als Assistentin im Kommissionsdienst des Parlamentsdienstes, als Ratsweibelin des Grossratspräsidenten/Grossratspräsidentin, als aktive Jägerin seit 37 Jahren, als Ehrenmitglied bei JagdAargau, beim Jagdhornbläsercorps Aargau, bei den Jagdhornbläsern Hallwyl und früher langjährige Kollegin in der Kommission Frau und Staat der Frauenzentrale.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Jeder soll seine Meinung fair und frei äussern dürfen, auch wenn man damit „anecken“ sollte. Ich verstelle meine Stimme nicht, damit ich anderen gefalle. Es müssen mich auch nicht alle mögen (Bündner Grind J).

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?
Ich besuchte die Schule halb in Alvaneu Bad GR und halb in Wohlen AG.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Die Chancengleichheit hat sich für mich immer ergeben. Man darf das fordern, wozu man bereit ist, Einsatz zu leisten. Ich vertrete die Meinung, dass Frau und Mann gar nicht immer das Gleiche tun und haben müssen. 

Wovon träumen Sie?
Bis zu meiner Pensionierung weiterarbeiten zu können im besten Team, das es in der kantonalen Verwaltung gibt. Danach mehr Zeit für meine Familie und meine jagdliche Passion und für die Jagdmusik zu haben.

Woraus sind Sie besonders stolz?
Auf meine Familie mit drei erwachsenen Kindern, auf meine erreichte berufliche Laufbahn und auf meinen Freundeskreis.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Dass auch die nächste Generation in unserer intakten Natur frei durchatmen kann. Dass man sich an kleinen Dingen freuen kann, ohne grosse materielle Ansprüche zu stellen.

Leitsatz
„Das ist unmöglich, sagt die Angst.
Zuviel Risiko, sagt die Erfahrung.
Macht keinen Sinn, sagt der Zweifel.
Versuchs einfach! – flüstert das Herz!“


Frauenstimme der Woche / 15.06.2021

«Man kann den Wind nicht ändern, aber lernen, die Segel neu zu setzen.»

Barbara Hürlimann, Jahrgang 1974, Hotelfachfrau mit Diplom, Familienmanagerin und stolze Mutter von drei Kindern zwischen 12 und 18 Jahren, ist eine Frau, die weiss, was sie will.

Als Barbara Gysin im Hotel Hilton in Basel Flavian Hürlimann kennenlernte, wusste sie: «Mit diesem Mann möchte ich drei Kinder haben.» Die beiden waren sich nicht etwa an der Hotelbar begegnet, sondern bei der Arbeit. «Schon seitdem ich als Kind einmal mit den Grosseltern in ein Hotel in die Ferien durfte, schwebte mir vor, einmal im Gastgewerbe zu arbeiten», erzählt Barbara Hürlimann. Sie fand das toll, wie sich das Personal um sie kümmerte, und wollte dieses Gefühl auch einmal anderen Menschen geben können.

Heute erlebt sie als Gemeinderätin von Sisseln die gegenseitige Bereicherung beim Freudeschenken besonders mit den JubilarInnen und Geburtstags«kindern» über 80, denen sie die Gratulation und ein Geschenk des Rates überbringt. 2018 hatte Barbara Hürlimann die Herausforderung, für den Gemeinderat zu kandidieren, angenommen, und wurde gewählt. Sie geniesst die Ratsarbeit und ist stolz auf alles, was sie gelernt hat in dieser, wie sie sagt «guten Lebensschule». Schön ist, dass ihr bei der Arbeit in ihrem Ressort «Gesundheits- und Sozialwesen», wie etwa bei der Jugendarbeit und dem Organisieren von kulturellen Anlässen, immer wieder viel Wertschätzung entgegengebracht wird.

Sie betrachtet ihr Amt auch als Sprungbrett zurück ins Berufsleben. Die berufliche Weiterentwicklung ist ihr wichtig, und wie viele Frauen, die sich für Mutterschaft und Familienzeit entschieden haben, ist sie damit konfrontiert, dass es schwierig ist, ohne «klassische» Referenzen eine gute Anstellung zu finden.

Als sie für die Mittepartei 2020 als Kandidatin für die Grossratswahl antrat, gab sie als Beruf «Familienmanagerin» an. Das ist ein Statement. Sie findet, dass die Anerkennung für die wahren Leistungen im Haushalt zu selten publik gemacht wird. Dazu kommt, dass sich viele Frauen trotz der Errungenschaft politischer Rechte, selbst zu wenig zugestehen. Noch immer lauert «im Hinterkopf» das schlechte Gewissen, wenn ihnen vorgeworfen wird, «nur» zu Hause zu bleiben. «Wir sind Seelsorgerinnen, Notfallhelferinnen, organisieren, koordinieren, sind geübt in Multitasking, müssen flexibel sein und haben lange Arbeitszeiten.» Es gibt keinen Grund, diese Fähigkeiten für den Wiedereintritt ins Berufsleben nicht anzuerkennen. Auch von einer Frage, wie der, ob sie, mit drei Kindern, keine Skrupel habe, wieder mit Erwerbsarbeit anfangen zu wollen, lässt sich Barbara Hürlimann nicht beirren. «Wir Frauen, sagt sie, «müssen wieder mehr an uns glauben und mit gutem Selbstbewusstsein unser Leben so gestalten, wie es für uns stimmt.»

Zur Gestaltung gehört bei ihr das politisches Engagement, mit dem sie sich für ihre ethischen Werte einsetzt – mehr Wertschätzung und Respekt nicht nur Frauen gegenüber – genauso wie sie vorlebt, dass sich Berufs- und Familienleben vereinbaren lassen. Was aber auch stimmt: Arbeit ist nur das halbe Leben. Zeit für sich selbst zu finden, ohne das berühmte schlechte Gewissen, ist gar nicht so einfach. Aber getreu ihrem Leitsatz: «Man kann den Wind nicht ändern, aber lernen, die Segel neu zu setzen» nimmt Barbara Hürlimann in ruhigeren Stunden Kurs auf das Zimmer, in dem sie sich dem Malen widmet. Mit ihrer privaten Website, auf der sie Einblick in ihr künstlerisches Schaffen gibt, teilt sie ihre Kreativität, das Lockere, das genauso zu ihr gehört wie Sachlichkeit und Effizienz, wiederum gerne mit anderen Menschen, um sie zu inspirieren.


Frauenstimme der Woche / 07.06.2021

Margrit Stamm

«Die Mutter gibt es nicht»

Als Gründerin und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Aarau widmet sich Margrit Stamm, emeritierte Professorin an der Universität Freiburg, weiterhin ihrer grossen Leidenschaft: der Erziehungs- und Bildungswissenschaft und allem, was damit zu tun hat.

«Ich war ein Mädchen, das lernen musste, durchzuhalten», sagt sie, «und ich bin eine Frau geworden mit Kerben, Verlusten und Selbstzweifeln, aber auch eine Frau, für die sich Träume erfüllt haben.» Margrit Stamms Lebensgeschichte spricht von ihrem Durchhaltewillen, von einer steten Neugier und dem Drang, zu lernen, zu wachsen, und sich auch zu verändern. Dass sie früh schon als Versliaufsagerin an Familienfesten gefragt war, und auch gut und gerne referieren und erzählen konnte, kam ihr zuerst als Lehrerin und später als Wissenschafterin zugute. Und doch: «Es hat von mir geheissen, ich sei eine Querulantin, ein sogenannt schwieriges Kind, weil ich gar nicht anders konnte, als meine eigene Meinung zu sagen, zu provozieren.» Die Herausforderung, in einer Arbeiterfamilie aufzuwachsen und den langen Weg bis zur Professur zu bewältigen, hat Margrit Stamm schon früh für das Thema Chancengleichheit sensibilisiert. Doch halt: «Chancengleichheit», sagt sie bestimmt, «ist passé. Es geht um Chancengerechtigkeit.» Allen Menschen sollen faire Chancen bei der Überwindung von Nachteilen ermöglicht werden, damit sie, egal welcher Herkunft und welchen Geschlechts gleiche Lebensaussichten haben.

Am Forschungsinstitut Swiss Education hat sie in diesem Jahr das Forschungsprojekt «Arbeiterkinder als Bildungsaufsteiger» lanciert. «Das Bildungssystem ist ungerecht», sagt sie im Video auf ihrer Homepage, mit dem sie einlädt, eigene Erfahrungen zu teilen. Sie schätzt, dass in der Schweiz viermal mehr Kinder aus Akademikerfamilien studieren, während Arbeiterkindern dieser Schritt seltener gelingt, auch wenn sie gleiche Noten haben.

Den Anfang zur Erfüllung ihrer Träume machte sie als Lehrerin. Absorbiert von der Arbeit, als junge Frau in einem Aargauer Bauerndorf, wo sie sich nicht nur den Schulpflegern unter Beweis stellen musste, nahm sie 1971 die Einführung des Frauenstimmrechts eher beiläufig wahr. «Ich habe es begrüsst, aber das musste ja einfach kommen. Erst in meinem Studium, das ich mit der Unterstützung meines Partners mit 35 Jahren begann, hat mich die Lektüre von Élisabeth Badinters Buch ‘Mutterliebe’ zur Feministin gemacht. Als Frau mit zwei Kindern, die an die Universität ging, hatte ich zuerst das Gefühl, ich täte etwas Verbotenes. Badinter zeigt auf, wie Mütter in unterschiedlichen Kulturen ganz unterschiedliche Rollen haben, und dass es ‘DIE Mutter nicht gibt’, auch nicht ‘DAS Kind’ und nicht ‘DIE Mutterliebe’. Das war für mich Erleuchtung und Erleichterung zugleich. Heute bin ich stolz auf unsere Kinder und meine Familie, und dass es meinem Partner und mir gelungen ist, die eigene Karriereplanung nie isoliert wahrzunehmen, sondern immer mit Blick auf das Du. Dafür, dass wir auf diese Weise gemeinsam Gleichberechtigung entwickeln konnten, was vielen Frauen verwehrt bleibt, bin ich sehr dankbar.»


 

 

Frauenstimme der Woche / 31.05.21

Renate Arnold

„Ich kann auch ungemütlich werden“

Wer sind Sie?
Mein Name ist Renate Arnold und ich lebe gerne und schon fast mein ganzes Leben in Abtwil. Ich arbeite als Sozialpädagogin und begleite Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im Arbeitsalltag. Ehrenamtlich präsidiere ich den Verwaltungsrat der KISS Genossenschaft Oberfreiamt und die Kulturkommission Abtwiler Dorfläbe. Diese Aufgaben machen mir Spass, fördern und fordern mich.

Woher holen Sie die Energie für den Alltag?
Mir gefällt es, in der ländlichen Umgebung lange Spaziergänge zu machen, dabei geniesse ich die Aussicht in die Berge, einen Schwatz mit anderen Menschen aus dem Dorf, oder ganz einfach die Ruhe. Oft lösen sich beim Gehen die festgefahrenen Gedanken und es entstehen neue Ideen, Lösungen für Themen im Beruf, in ehrenamtlichen Tätigkeiten oder privaten Belangen.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?
Ich werde aktiv, wenn jemand ungerecht oder ungleich behandelt wird, wenn etwas nicht mit „rechten Dingen“ zugeht. Dann kann ich ungemütlich werden. Es ist mir aber auch wichtig, das Positive zu sehen, auf Dinge hinzuweisen die gut laufen und dies auch zu sagen. Das geschieht viel zu wenig.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?
Da war ich in der 1. Klasse. Wahrscheinlich habe ich meine Geschwister geärgert, versucht die ersten Buchstaben zu schreiben und meine Hausaufgaben schnell zu erledigen, damit ich spielen konnte. Ich war gerne draussen mit meinen Geschwistern und den Nachbarskindern.

Was braucht es für Chancengleichheit?
Zuerst einmal die Einsicht, dass Chancengleichheit alle betrifft. Alle sollen die gleichen Voraussetzungen haben für die persönliche, schulische und berufliche Entwicklung. Darauf müssen wir hinarbeiten. So kann das Potenzial jedes Einzelnen entwickelt und individuell gefördert werden. Was die Person daraus macht, liegt in ihrem Ermessen und Lebensplan. Doch es braucht den guten Willen und weniger die Ich-Bezogenheit jedes Einzelnen, um Chancengleichheit zu ermöglichen und umzusetzen.

Wovon träumen Sie?
Träume habe ich nur im Schlaf. Doch an das Leben habe ich einige Wünsche. Ich wünsche mir, dass alle Menschen gleich behandelt werden, aber nicht gleich sein müssen; dass zur Natur Sorge getragen wird; dass jede Person mit der anderen Person so umgeht, wie sie selber gerne behandelt werden möchte. Persönlich wünsche ich mir Gesundheit und Zufriedenheit, so dass ich mein Leben nach meinen Bedürfnissen und Wünschen gestalten kann. Und eine längere Reise nach Argentinien, Island oder Afrika wär auch mal wieder schön.

Woraus sind Sie besonders stolz?Nicht stolz, aber zufrieden bin ich, dass mir vieles, was ich angepackt habe, oder was an mich herangetragen wurde, gelungen ist. Ich hatte auch viel Glück. Darum bin ich froh, dass ich in meinem Leben die Chancen gepackt habe, die sich mir boten und denjenigen, die ich nicht gesehen und oder gepackt habe, nicht nachtrauere.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Dass jeder Mensch in seinem nächsten Umfeld Verantwortung übernimmt für das Wohl aller. So könnten alle zufrieden leben, würden Sorge tragen zur Umwelt und respektvoll und nett miteinander umgehen.

Leitsatz
Geht nicht, gibts nicht!


Frauenstimme der Woche / 26.05.21

Julia Noth

Wer bist du?
Mit den Worten «lieb, grosszügig, gemütlich, engagiert, fleissig, hilfsbereit, einfühlsam, offen, musikalisch, …» beschreiben mich meine Freundinnen. «Jugendlich» bedeutet mein Name. Und all das zusammengemixt ergibt mich: Julia, 18 Jahre alt, Kantischülerin aus Suhr.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Ehrlichkeit, meine Freunde, Offenheit.

Als 1971 das Frauenstimm- und Wahlrecht eingeführt wurde, warst du noch gar nicht auf der Welt…
… da habe ich wohl «fliissig Stärndli butzt», wie man so schön sagt, und meine Grossmutter bei ihrer Freude an den neuen Rechten beobachtet.

Was braucht es für eine Chancengleichheit?
Hier fallen mir als erstes starke und selbstbewusste Frauen ein, die sich bis an die Spitze und noch weiter vorkämpfen und so zeigen, dass auch wir Führungskräfte sein können oder sind. Für die «allgemeine» Chancengleichheit muss als erstes die Akzeptanz aller erreicht werden.

Worauf bist du besonders stolz?
Wenn man mich das in 20 Jahren fragen würde, hätte ich wahrscheinlich eine umfangreichere Antwort bereit, als ich sie jetzt geben kann. Aber ich bin stolz auf meine Mutter und Grossmutter, die mir und meinen Schwestern schon immer gesagt haben, dass wir alles erreichen können, was wir uns vornehmen, solange wir es durchziehen.

Wovon träumst du?
Ich habe noch viel vor in meinem Leben. In naher Zukunft ist das mein Kantiabschluss und mein Studium, das mich zu meinem Traumberuf Psychiaterin bringen soll. Etwas weiter in der Zukunft liegt mein Traum, Mutter zu werden und ein zufriedenes Leben zu haben.

Was ist dein Wunsch für die nächste Generation?
Mein Wunsch ist, dass alle Menschen gleiche Chancen haben im Leben, egal wie sie aussehen, wo sie herkommen oder was ihr Geschlecht ist. Ein weiterer Wunsch ist, dass die Klimakrise eingedämmt wird und die nächsten Generationen gar nichts anderes als eine «gesunde» Welt kennen.

Persönlicher Leitsatz
«Läb dis Läbe so, dassd spöter nüt bereusch!»


Frauenstimme der Woche / 17.05.21

Heidi Emmenegger

«Es ist besser, Brücken zu bauen statt Mauern.»

Wenn Heidi Emmenegger sagt, dass die patriarchalen Muster in der Gesellschaft aufgelöst werden müssen, denkt sie längst nicht mehr an eine Revolution. Als Sozialarbeiterin im Offenen Pfarrhaus der katholischen Pfarrei Aarau, Schulpflegerin und Mitbegründerin einer Genossenschaft für solidarische Landwirtschaft sieht sie sich vielmehr als Brückenbauerin.

«Das Aufwachsen auf dem Biobauernhof in Zeihen, mit ganz viel Zeit in der Natur hat mich geprägt. Diese Landschaft im Fricktal ist meine Heimat. Anstatt nach der ‘Kanti’ gleich zu studieren, machte ich eine Buchhändlerlehre und ging auf Reisen, weil ich mich schon als Kind sehr für andere Menschen interessierte. Ich wollte die Welt sehen, erfahren, wie man anderswo lebt. Im Sommer ging ich auf die Alp, im Winter war ich unterwegs, und stellte mir vor, dass ich mir das Leben so einrichten könnte. Aber nach meiner letzten Afrikareise war mir klar, dass ich in Richtung Sozialarbeit gehen wollte. Ich habe dann 2010 das Studium abgeschlossen.

Heute lebe ich wieder in einem kleinen Dorf, in einem alten Haus mit meiner Familie, einem grossen Garten und Ziegen.

Ich bin Jahrgang 1978 und empfand es nie als Nachteil, dass ich ein Mädchen oder eine Frau bin. Mein Vater war ein positives Vorbild im Umgang mit Rollenbildern. Er hat mir zum Beispiel genau gleich wie meinen Brüdern das Traktorfahren beigebracht. Das Strukturelle an der Ungleichbehandlung wurde mir erst während des Studiums bewusst. Meine Generation musste erkennen, was wir dank des Kampfs für die Frauenrechte an Freiheiten bekommen haben, und dass wir dranbleiben müssen.

In der Arbeitswelt widerspiegeln sich patriarchale Muster noch stark. Einseitige Ausbildungsstrukturen reproduzieren Geschlechterrollen und ihre Klischees immer noch. Als Sozialarbeiterin hatte ich bisher einmal eine weibliche Vorgesetzte und viermal männliche Vorgesetzte. Das scheint mir nicht zufällig, sondern repräsentativ. Auch meine aktuelle Arbeitgeberin, die katholische Kirche, ist nach wie vor männerdominiert. Zwar hat sie sich in den letzten Jahrzehnten stark geöffnet und in unserem Pfarreiteam arbeiten viele gut qualifizierte Frauen. Trotzdem bleibt die Priesterweihe Männern vorbehalten.

Ich bin stolz darauf, dass mein Mann und ich unsere Abmachung, die Erwerbs- und Familienarbeit gleichberechtigt, also 50:50 zu teilen, verwirklichen können. Es ist auch spannend, dass sich die junge Generation von den stereotypen Geschlechterrollen befreien will. In der Gesellschaft führt diese Diskussion zu einer Sensibilisierung für die Konstruktion von Macht. Und genau darum geht es.

Ich stehe ein für würdevolle Lebensbedingungen im In- und Ausland. Alle Menschen sollten ihre Bedürfnispyramide einigermassen abdecken können. Vielen, denen ich in meinem Job begegne, ist das nicht möglich. Zum Beispiel den Sans papiers – sie haben nicht einmal das Recht auf eine Zukunft.

Ich wünsche uns, dass die nächsten Generationen den Mut, die Energie und den Willen haben, mit Umsicht, Warmherzigkeit und Fantasie auf die grossen sozialen und ökologischen Veränderungen zu reagieren, die auf die Menschheit zukommen werden. Die politische Aktivität der Jüngeren macht sich ja bemerkbar. Früher glaubte ich, es brauche einfach eine Revolution, um die Machtverhältnisse umzukehren – inzwischen denke ich, es braucht vor allem eine starke Mehrheit, die wirklich für Veränderung ist.»

Von Kristin T. Schnider


Frauenstimme der Woche / 10.05.2021

Silvia Dell’Aquila

«Ich bin kein Mensch, der stillsitzen kann!»

Silvia Dell’Aquila ist in Lenzburg als Tochter sizilianischer Emigrant*innen aufgewachsen und heute in Aarau zuhause. Mit 45 Jahren ist sie schon über 20 Jahren politisch tätig und ist seit Ende 2019 für die SP im Grossen Rat.

Von Kristin T. Schnider

Von den 140 Aargauer Parlamentsmitgliedern sind gerade einmal 45 Frauen. Im Regierungsrat waren seit dem Stichjahr 1971 nur drei Frauen, und seit der letzten Wahl ist der Rat wieder ein reines Männergremium. Silvia Dell’Aquila – nach ihrem Abschluss in Soziologie und Volkswirtschaft mehrheitlich in Gewerkschaften tätig – ist die Regionalleiterin des VPOD Aargau/Solothurn und die erste Frau, die den Aargauer Gewerkschaftsbund präsidiert. «Und jetzt im Jahr 2021», sagt sie, «bin ich die erste Seconda und auch die erste Lesbe, die im Herbst für den Aarauer Stadtrat kandidiert!» Wird sie gewählt, wäre sie im Rat auch die Einzige ohne eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung: eine Mieterin. Sie findet: «Es braucht gerade in solchen Gremien Diversität, was Gesellschaftsschichten, Lebensumstände und Lebensformen angeht, weil sonst einfach nichts passiert.»

Zur Vielfalt in der politischen Mitbestimmung und für ein Mehr an Demokratie gehört für sie ein weiterer Schritt. Als ihre Mutter aus Italien in die Schweiz einreiste, gab es in ihrem Land das Frauenstimmrecht schon seit mehr als 20 Jahren. «Dass den Schweizerinnen dieses demokratische Recht verwehrt war, erstaunte sie», erzählt die Tochter. «Andererseits haben meine Eltern, obwohl sie seit bald 60 Jahren in der Schweiz leben, bis heute weder das Wahl- noch das Stimmrecht auf irgendeiner Ebene.» Deshalb hat sie kürzlich im Grossen Rat die entsprechende Motion für das Mitsprachrecht auf Gemeindeebene für ausländische Einwohner*innen eingereicht.

Dass etwas passieren muss, war ihr früh klar: «Ich bin in Wohnblöcken aufgewachsen, in der italienischen Migrant*innencommunity. Was Chancenungleichheit bedeutet, lernte ich schnell. Das beginnt schon in der Schule. Ich ging in die Kanti und an die Universität und hatte dadurch Seltenheitswert. In meinem Umfeld war es normal, dass die Kinder in die Real, bestenfalls in die Sek geschickt wurden. Das war der übliche Bildungsweg von Migrant*innen- und Arbeiter*innenkinder.»

Dass jeder Mensch sich ungeachtet der Herkunft, der Lebensform und der finanziellen Stärke entwickeln und verwirklichen können soll, ist Silvia Dell’Aquilas Credo.

Dazu gehört für sie das Bewusstsein, dass Ungleiches nicht gleichbehandelt werden kann. Das gilt auch für die Frage, warum Frauen immer noch untervertreten sind in Politik und Wirtschaft. «Bis sich das wirklich ändert», sagt Dell’Aquila, «müssen wir die unterschiedliche Sozialisation, die anderen Verhaltensweisen von Frauen ernst nehmen. Zu sagen, ‘die kämpfen halt nicht für das, was sie wollen’, greift einfach zu kurz.»

Der Impuls, für etwas einzustehen, hat  sie schon immer begleitet. «Ich bin nun mal ein Mensch, der nicht stillsitzen kann», sagt sie, und lacht. Damit ihr Zukunftswunsch von einer Gesellschaft, in der die Armut bekämpft wird, so dass alle in Würde leben können und in der Anderssein keine Rolle spielt, in Erfüllung geht, engagiert sie sich: «Denn wie es in unserer Verfassung steht, misst sich die Stärke eines Volkes am Wohl der Schwachen. Wenn sich die Politik und die Gesellschaft wirklich daran messen, ist schon vieles erreicht.»


Frauenstimme der Woche / 03.05.2021

Tamara Süess

«Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte»

Tamara Süess ist Kaminfegerin im Fricktal, und wohnt in Birr. Ihren Beruf findet sie auch nach 20 Jahren noch spannend. Zur Erholung geht sie am Feierabend in den Stall zu ihrem Pferd, da könne sie abschalten.

 «Ich habe einen Beruf gewählt, der mehrheitlich von Männern ausgeübt wird, aber als ich die Lehre machte, habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Die Arbeit hat mich interessiert, und ich finde sie auch heute noch, nach 20 Jahren, spannend und abwechslungsreich. Ich kann sie mir einteilen, wie ich will, und ich mag den Kontakt mit den Leuten. Man kennt mich in Frick, und mein Markenzeichen sind meine langen, farbigen Fingernägel. Ich lasse sie mir regelmässig machen, das gönne ich mir. Und manchmal sind sie sogar praktisch bei der Arbeit.

Täglich am Feierabend gehe ich zu meinem Pferd in den Stall. Das ist für mich Erholung. Pferde haben mich schon immer fasziniert, ich bin mit ihnen grossgeworden. Meine Familie hatte selbst keine, aber wir wohnten vis-à-vis von einem Bauernhof.

Mit Jahrgang 1984 ist es für mich selbstverständlich, dass ich abstimmen gehen darf. Ich bin mit dem Frauenstimmrecht aufgewachsen. Schliesslich sind wir auch Menschen, wir haben unsere Meinung, und die sollen wir kundtun dürfen. Dass Frauen seither auch gewählt werden, finde ich gut. Wir haben eine andere Einstellung und suchen meist den einfacheren Weg zur Lösung eines Problems. Das sehe ich auch bei der Arbeit – und in die Politik bringt das eine andere Denkweise. Zusammen mit den Männern ergibt das eine gute Kombination. Die Zusammensetzung der Gremien sollte ausgewogen sein: nicht zu viele Frauen, nicht zu viele Männer. Das sollte theoretisch eine harmonische Einheit ergeben, die funktioniert. So siegt vielleicht auch einmal die Gerechtigkeit, was mir sehr wichtig ist.

Chancen, finde ich, sollte jede und jeder selbst ergreifen. Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man das auch. Es gibt immer einen Weg. Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber schwierige Situationen zu meistern, wie zum Beispiel bei der Feuerwehr, als einige zuerst partout keine Frauen dabeihaben wollten, haben mich immer stärker gemacht.

Jetzt bin ich stolz darauf, bei dieser Porträtreihe mit Frauen mitgemacht zu haben. Auch das war eine Herausforderung, weil ich nicht gerne im Mittelpunkt stehe. Aber ich bin immer daran, etwas auszuprobieren und an mir zu arbeiten. Für mich selbst wünsche ich, dass ich jeden Morgen gesund aufstehen und den Tag leben und geniessen kann, als wäre es der letzte. Für die Zukunft wünsche ich uns allen, dass wir mehr Menschenverstand einsetzen und wieder stärker aufeinander achten.»

Von Kristin T. Schnider


Frauenstimme der Woche / 26.04.2021

Doris Fischer-Taeschler

«Lassen wir der nächsten Generation den Freiraum, den sie braucht!»

Doris Fischer-Taeschler war Grossrätin der FDP und Präsidentin der Frauenzentrale. Ihrem Vater hatte sie also gezeigt, was sie mit diesem «Emanzentum» anstellen konnte. Sie träumt davon, mit ihrem Lebenspartner noch viele Winkel der Erde und die Menschen, die dort leben, kennen zu lernen.

Jetzt ist das Reisen eingeschränkt, die Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn ist aufgeschoben. Für Doris Fischer-Taeschler bedeutet Reisen Freiheit für den Kopf und die Seele. Aber sie war nie eine, die jammert. «Wir haben es gut hier, trotz Corona», sagt sie mit der heiteren Gelassenheit, die ihr vor 20 Jahren schon in einem Artikel in der Aargauer Zeitung zugeschrieben wurde, und die auch ihr Leitstern ist.

Ihre politischen Tätigkeiten – unter anderem als Grossrätin der FDP und Präsidentin der Frauenzentrale – liegen hinter ihr und von den beruflichen und ehrenamtlichen hat sie die meisten abgegeben. Mit 66 «in Halbpension» ist sie zufrieden mit sich und der Welt, und geniesst es, sich mit Herzblut den nationalen und internationalen Projekten zu widmen, die sie weiter betreut. Es ist schwer vorstellbar, dass Doris Fischer-Taeschler zu Hause sitzt und strickt. Sie lacht, und meint: «Das wäre auch schwierig für meinen Partner.» Ohne ihn, den emanzipierten Mann, der mitzog, wäre es ihr unmöglich gewesen, berufstätig und politisch tätig zu sein und vier Kinder grosszuziehen. «Ein Paar, das Kinder auf die Welt stellt, hat eine gemeinsame Aufgabe, da ist nicht nur die Frau gefragt!» sagt sie. Inakzeptabel findet sie, die seit je für Selbstverantwortung eintritt, und nichts von Bevormundung und dem schnellen Ruf nach dem Staat hält, dass ihren Töchtern und Söhnen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch immer Stolpersteine in den Weg gelegt werden. Tagesschulen und verlässliche Kitas sollten selbstverständlich sein: «So kann der eigene Tagesrhythmus angepasst werden, sei es als Vater oder Mutter. Auf dem Weg zur Chancengleichheit braucht es bei allem Einsatz der einzelnen Person auch die entsprechenden Rahmenbedingungen und dazu noch die Solidarität von Gesellschaft und Staat, jenen, die es nicht schaffen, beizustehen.»

1971 war auch für sie, damals 16, ein zentrales Jahr. Im Gymnasium in Neuchâtel entdeckt sie, dass sie sich behaupten kann, und lässt sich wissbegierig auf die neue Sprache und Kultur ein. «Die Freude der Mutter über die Einführung des Frauenstimmrechts war ansteckend», erzählt Doris Fischer-Taeschler, «und ich selbst war sehr motiviert, den Vater mit seinem Unverständnis gegenüber diesem Emanzentum eines Besseren zu belehren.»

Das hat sie zweifellos geschafft, und ist nun stolz auf ihre Familie, darauf, dass sie immer positiv und mit viel Vertrauen vorwärts gehen konnte, und auf das Erreichte in Politik und Beruf. Viel von Letzterem reden mag sie nicht, denn was die Zukunft angeht, findet sie: «Jetzt ist die nächste Generation an der Reihe. Es ist nicht nötig, ihr dreinzureden. Ich hoffe, wir konnten sie befähigen, den Herausforderungen gewachsen zu sein. Lassen wir den Jungen den Freiraum, den sie brauchen!»

Von Kristin T. Schnider


Frauenstimme der Woche / 19.04.2021

Kathrin Steinmann

Wer bist du
Ich bin Kathrin Steinmann, 33 Jahre alt, Inhaberin und Geschäftsführerin der Buchhandlung Otz in Lenzburg. Nach der Matura habe ich Politologie studiert und die Wissenschaftlerin in mir mag es nach wie vor genau und strukturiert und will bei allem die Hintergründe verstehe. 2017 habe ich als Quereinsteigerin die traditionsreiche Buchhandlung Otz übernommen.

Wofür erhebst du deine Stimme
Als introvertierte Person erhebe ich meine Stimme weniger im wörtlichen Sinne, sondern bin eher bestrebt, meine Werte zu leben. Es ist mir wichtig, allen Menschen mit Respekt zu begegnen und mir bewusst zu sein, dass jede Person ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen mitbringt. Der natürlichen Umwelt gegenüber, dem eigenen Körper gegenüber und auch weil mir die „immer mehr, immer grösser“-Mentalität nicht entspricht, ist es mir je länger je wichtiger, bewusst zu konsumieren.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht
Da ich 16 Jahre später geboren wurde, bin ich mit der Selbstverständlichkeit aufgewachsen, dass Frauen das Stimm- und Wahlrecht haben. Es scheint mir aber immer wieder unfassbar, dass meine Grossmütter über 40 Jahre alt werden mussten, bis sie – interessierte und engagierte Frauen – politisch mitgestalten durften.

Chancengleichheit, was braucht es dazu
Respektvoller Umgang, Empathie, weniger Narzissmus. Genügsamkeit und weniger Angst, es werde einem etwas weggenommen, wenn anderen ebenfalls alle Möglichkeiten offenstehen.

Wovon träumst du
Persönlich strebe ich an, mehr Gelassenheit und innere Ruhe zu finden. Und ich denke, dass es auf die ganze Gesellschaft eine entspannende Wirkung hätte, würden wir alle mit weniger Leistungsdruck leben, müsste nicht alles immer mehr und grösser und besser sein. Weniger Streben nach Macht und Besitz, mehr Wertschätzen von Geborgenheit und Zufriedenheit, wäre das nicht schön?

Worauf bist du besonders stolz
Stolz empfinde ich als kurzfristiges Gefühl, als die Freude, wenn etwas gelingt. Langfristig ist es eher Dankbarkeit. Dafür, zu einer Zeit und in einem Umfeld zu leben, welche einem sehr viele Möglichkeiten eröffnen.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in welcher es keinen Kampf für Gleichberechtigung mehr braucht, weil es ganz einfach eine Selbstverständlichkeit ist, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung etc. gleich behandelt werden.

Und ich wünsche mir einfachere Umstände, das „Richtige“ zu tun. Einerseits im Bereich des Konsums, indem der Entscheid, nachhaltig zu konsumieren dadurch vereinfacht wird, dass immer weniger Produkte schädlich produziert werden. Andererseits dass für jede Person „richtiges“ Handeln intrinsisch sein kann. Also so, wie es für jeden selber stimmt, ohne dass die Gesellschaft stetig wertet und urteilt, wo es nichts zu werten und urteilen gibt.

Leitsatz
Einen Leitsatz habe ich nicht, aber Werte, die ich zu leben versuche: Empathie, Respekt, Anstand.


Frauenstimme der Woche / 12.04.2021

Saskia Misteli

 „Muttersein ist Care-Arbeit!“

Saskia Misteli, Jahrgang 1987, erwartet die Geburt ihres zweiten Kindes «jeden Moment». Ihr erstes, ihr Sohn, ist zwei Jahre alt. Im Departement für Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachstelle Alter und Familie tätig.

Auf die Frage, wofür sie ihre Stimme erheben würde, antwortet sie spontan: «Für die Wertschätzung von Care-Arbeit!», und zitiert die Wirtschaftswissenschaftlerin  Adelheid Biesecker. «Keine menschliche Produktion ist möglich, ohne dass die Natur schon produziert hat, und keine Erwerbsarbeit ist möglich ohne vorher geleistete Sorgearbeit». Bei «Care-Arbeit» denken die meisten an Pflegepersonal, an Betreuung im Spital, in Alters- und Wohnheimen. Was nicht unrichtig ist. Saskia Misteli aber betont, dass sie selbst sich vor allem als Mutter in der Care-Arbeit sieht. «Es ist die Art von Arbeit, die gemacht werden muss. Wer Kinder betreut, kann nie einfach verschwinden, weggehen. Alles, was in diesem Bereich geleistet wird, ob von Müttern, Vätern oder weiteren Bezugspersonen, ist eine ganz wichtige Arbeit für die Gesellschaft!»

Deshalb wünscht sie sich für die Zukunft, dass die Zeit für Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, für die eigene Entwicklung und die Teilhabe an der Politik als gleichwertig betrachtet wird, und gleichmässig eingeteilt werden kann. «Für alle Menschen soll das so sein», sagt sie, «und das kann nicht einfach nur im Privaten ausgehandelt werden, zwischen Paaren oder mit der Delegation der Care-Arbeiten» Ein Anliegen, das genauso politisch ist, wie damals der Kampf um das Frauenstimmrecht. Sie, die damit aufgewachsen ist, ist sehr froh, dass es erkämpft wurde. Von einer älteren Generation Frauen, die lauter waren und «hässiger» als ihre eigene, die keinesfalls als Opfer dastehen will und zurückschreckt vor der Ablehnung, die laut werdende Frauen nach wie vor trifft. «Die Leute hören auch nicht zu, wenn eine polternd auftritt, und so findet auch kein Umdenken statt», sagt Misteli, «Aber wir dürfen uns jetzt nicht einfach auf dem Erreichten ausruhen»

Es ist nicht zu befürchten, dass Saskia Misteli sich zurücklehnen wird. Sie wird dranbleiben, und weiterhin für ihren Zukunftswunsch einstehen, als care-arbeitende Mutter, bei der Erwerbsarbeit, die sie voller Begeisterung ausübt, und in den Stunden, in denen sie sich die Zeit für das Backen ihres, wie sie sagt, hervorragenden Dinkelbrotes, nimmt.

Von Kristin T. Schnider


Frauenstimme der Woche / 06.04.2021

Corinne Dobler

Wer bist du?
Eine privilegierte Bewohnerin dieses Planeten, Geschöpf und Schöpferin

Wofür erhebst du deine Stimme?
Für mehr Bewusstheit. Dafür, dass wir dankbar sind, dass wir hier und jetzt leben. Dafür, dass alle Privilegierten sich einsetzen für jene, die dieses Glück nicht haben. Dafür, dass alle Geschöpfe und Lebewesen ein würdiges Leben auf diesem Planeten führen dürfen.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Das war noch vor meiner Geburt, ich erinnere mich nur dunkel.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Dass das weibliche Prinzip (wie z.B. Liebe, Intuition, Herz, Fürsorge, Hingabe, Kreativität) in der Wirtschaft und auf diesem Planeten einen gleich hohen Stellenwert bekommt wie das männliche (Verstand, Leistung, Erfolg, Dominanz, Rationalität).

Wovon träumst du?
Dass der Mensch wieder einen höheren Stellenwert bekommt als Profit und Kapital.

Woraus bist du besonders stolz?
Ich bin nicht stolz. Eher dankbar dafür, dass ich Pfarrerin und Seelsorgerin sein darf, und 2 wunderbare Kinder habe. Natürlich braucht es Ehrgeiz und Disziplin um ein Ziel zu erreichen, aber vor allem braucht es die richtige Umgebung, Glück und Segen um anzukommen.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Dass wir die Sorgfalt und die Liebe zum Leben wieder wichtig werden lassen. Dass wir einander zuhören. Dass wir nicht in der Opfer- und Anklagehaltung verharren sondern aktiv die Welt zum besseren verändern. Gerade in unserem Land kann jede(r) dazu beitragen.

Leitsatz
Nichts und niemand kann uns trennen von der Liebe unseres Schöpfers.


Frauen Stimme der Woche / 29.03.2021

Karin Koch Sager

«Für Chancengleichheit müssen wir einstehen – aber beliebt macht dich das nicht»

An ihrem freien Tag gönnt sich Karin Koch Sager etwas Auszeit mit Yoga und einem ausgedehnten Spaziergang mit ihrem Hund. Seitdem ihre Schwester Ende 2019 in den Ruhestand ging, ist sie alleinige Geschäftsführerin des Bestattungsinstitutes Koch GmbH in Wohlen.

«Früher war der Familienbetrieb hauptsächlich ein Transportgeschäft. Das Bestatten war ein kleiner Teil davon. Als meine Schwester Doris und ich 1999 das Geschäft übernahmen, war die Art des Bestattens gesamtschweizerisch ziemlich schlicht. Wir sahen, da war ein grosser Bedarf an Veränderung, und dachten, dass wir als Frauen auch mehr Herz einbringen könnten. Am Anfang gab es viel zu bereinigen, zu investieren und neu aufzubauen. Mit den Jahren haben wir gemerkt, dass es ein schöner Beruf ist, den wir haben, und dass es ein Geschenk ist, mit den Menschen diesen gar nicht so leichten Weg gehen zu dürfen.

1971, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, war ich fünf Jahre alt und habe wohl die Unbeschwertheit des Lebens genossen. Andererseits war meine Familie in grosser Trauer, da mein damals siebenjähriger Bruder tödlich verunglückt ist.

Der Kampf um die Gleichberechtigung – als junge Frau habe ich mich gefragt, wo das Problem liegt. Bei uns zu Hause war das nie ein Thema. Meine Mutter kam aus Süditalien als «armes Tschinggeli» in die Schweiz. Sie war eine starke Frau, die tat, was sie wollte, und mein Vater hat sie nie daran gehindert. Sie war eine der ersten Frauen, die den Lastwagenführerschein gemacht haben, und auch meine Schwestern fuhren Lastwagen. Ich war erstaunt, als mir eine gleichaltrige Freundin später erzählte, dass ihre Mutter den Vater damals noch fragen musste, ob sie arbeiten gehen darf. Ich weiss also, dass es vielen Frauen anders ergangen ist als meiner Mutter und mir. Wir müssen an dem, was wir hier erreicht haben, dranbleiben. Das gebe ich meiner 17-jährigen Tochter mit: Wir Frauen sind genau gleich viel wert wie die Männer. Und irgendwen zu unterdrücken, ob Frau oder Mann, das geht gar nicht! Es geht um Gerechtigkeit, und dafür erhebe ich meine Stimme. Man muss sich für die Schwächeren wehren.

Für Chancengleichheit müssen wir einstehen, mutig sein und einfordern, was wir wollen. Das ist nicht einfach, weil wir Frauen immer noch schubladisiert werden. Es wird erwartet, dass wir nicht zu «taff» daherkommen. Ich musste mich im Lauf meines Berufslebens immer wieder einmal zurücknehmen, weil ich mich gegen die Männer, gegen alles gestemmt habe, wenn das «Tschinggeli» in mir hervorkam. Das ist in Ordnung, aber beliebt macht dich das nicht. Ich folge meinem Leitsatz: «Glaube an dich selbst!» Das hat mir auch geholfen, Familie und Geschäft – mein Mann hat auch eine eigene Firma – unter einen Hut zu bringen, und darauf bin ich stolz. Aber ich bleibe dabei bodenständig – was ich uns allen für die Zukunft wünsche – und werde immer etwas von dem Guten, das ich erlebe, weitergeben.

Von Kristin T. Schnider


Frauen Stimme der Woche / 22.3.2021

Carmen Schnider

Wer bist du?
Ich heiße Carmen Schnider, bin 31 Jahre alt und wohne in der St. Josef – Stiftung auf der Wohngruppe Eule in Bremgarten. Am Wochenende gehe ich zu meinen Eltern nach Oberrüti.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Freiheit und selber bestimmen, zum Beispiel in der Freizeitgestaltung. Gut aussehen, Selbstbestimmung in der Kleiderwahl und Frisur und respektiert werden.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Ich war noch gar nicht auf der Welt.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Gleichbehandlung trotz Einschränkungen.

Wovon träumst du?
Noch mehr Selbstständigkeit.

Woraus bist du besonders stolz?
Dass ich die öffentliche Schule besucht habe und dass ich mich zu den Modulen von sebit (Module zum eigenständigen Wohnen) angemeldet habe und diese auch besucht habe.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Dass alle Wege und Gebäude hindernisfrei sind.

Leitsatz
Ich möchte Raum für neue Ideen!


Frauen Stimme der Woche / 15.03.2021

Sadhyo Niederberger

„Ich habe ein Sensorium für Ungerechtigkeiten“

Sadhyo Niederberger ist freischaffende Künstlerin, Kunstbeauftragte am Kantonsspital Aarau und Kuratorin des Off-Spaces ECK in Aarau. Sie fand ihre Vorbilder in unabhängigen Frauen und hofft, dass sie auch künftig wagt, Neues zu denken.     

„Ich bin im ländlichen Freiamt aufgewachsen, in einer Familie mit starken Frauen, die sich durchsetzen und wehren konnten. Meine Mutter war sich als Wirtin gewohnt, ein Geschäft zu führen, Entscheide zu treffen und selbstbewusst aufzutreten. Dass sie 1971 endlich das Stimmrecht bekam, war längst überfällig. Damals war ich erst neunjährig, aber es erschien mir absurd, dass sie es nicht schon längst hatte.

Schon als Kind wusste ich, dass ich Künstlerin werden wollte, und suchte nach einer Alternative zu den damals gängigen Rollenmodellen. In der Künstlerin Eva Wipf fand ich so etwas wie ein Vorbild. Mein Schulweg führte am alten Haus mit dem Buchsbaumgarten vorbei, wo sie zusammen mit ihrer Partnerin und vielen Katzen ein Leben ausserhalb der Normen lebte. Ich war fasziniert und projizierte meine Wünsche in das geheimnisvolle Haus und in die fremde, aber attraktive Welt von zwei eigenständigen und unabhängigen Frauen. Diese Erfahrung hat mich begleitet und bestärkt.

Nachdem ich auf Wunsch meiner Eltern zuerst Kindergärtnerin wurde, studierte ich an der Kunsthochschule in Genf. Seither widme ich mein Leben der Kunst und der Kunstvermittlung. Wie ich jetzt arbeite, mit welchen Medien und Themen und wie ich diese mit meinem gesellschaftlichen Engagement verknüpfe, das macht mich aus als Künstlerin. Aber die Fragen nach meinem Status als Frau und dem sozialen Hintergrund bleiben bestehen, und immer noch ist vieles nicht selbstverständlich. Bis heute fühlt es sich manchmal an wie ein Kampf. Ich denke, dass ich deshalb ein Sensorium für Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeiten habe, und immer, wenn ich kann, engagiere ich mich vor allem für junge Kulturschaffende aus anderen Kulturen. Chancengleichheit heisst, Menschen jeglicher sexueller Ausrichtung, aus allen Schichten und jeglicher Herkunft sollen die gleichen Möglichkeiten haben. Auf dem Weg zu gleichen Chancen auch im exklusiven Feld der Kunst gibt es noch viel zu tun.

Für unsere Zukunft hoffe ich auf eine erwachsene, unabhängige, demokratische Gesellschaft, die sich nicht so leicht manipulieren lässt. Ich selbst werde dabeibleiben, mit ausgefahrenen Antennen durchs Leben zu gehen, und wünsche mir, den Mut zu behalten, Neues zu denken, Grenzen auszuloten und keine Angst vor dem Scheitern zu haben.“

von Kristin T. Schnider

Frauen Stimme der Woche / 08.03.2021

Petra Rohner

Wer bist du
Mein Name ist Petra Rohner. Als Netzwerkexpertin berate ich Fach-und Führungskräfte im Bereich Neuorientierung und bin Autorin der Bücher „EINFLUSSREICH NETZWERKEN“. Als Präsidentin der Stiftung SWONET – SWISS WOMEN NETWORK ist es mir ein Anliegen, Frauen und Frauen-Organisationen Sichtbarkeit zu geben.

Wofür erhebst du deine Stimme
Ich kämpfe für Chancengleichheit. Ich bin überzeugt, dass kein Mensch das Recht hat, sich über andere zu stellen. Jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft und leistet seinen Beitrag. Wir neigen dazu, bei Erfolg und im Wohlstand zu vergessen, dass das was wir haben, nicht immer nur unser Verdienst ist. Zu oft werden wertvolle Fähigkeiten nicht genutzt und gefördert, weil Menschen nicht die gleichen Chancen haben.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht
Ich ging noch zur Schule und setzte mich mit meinen Berufswünschen auseinander. Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, wo das Frauenstimmrecht seit 1919 gilt, war die Frage, ob ich mich für mein Recht auf eine eigene Stimme einsetzen muss, nicht relevant. Erst als ich 1981 in die Schweiz kam realisierte ich, dass Frauen in der Schweiz erst seit 10 Jahren ein Stimmrecht hatten.

Chancengleichheit, was braucht es dazu
Es braucht einerseits die rechtliche Grundlage, andererseits oftmals auch ein Umdenken in der Gesellschaft. Chancengleichheit bedeutet für mich auch, anderen Chancen zu gönnen, die man selbst nicht hatte. Leider ist das oftmals in unserer Gesellschaft nicht der Fall. Wir erwarten von der Wirtschaft, dass sie die Voraussetzung für Beruf und Familie schafft. Jedoch erlebe ich immer wieder, dass Frauen der Druck ihres Umfeldes, eine bessere Mutter zu sein und weniger oder gar nicht zu arbeiten, im Alltag noch immer viel Kraft kostet.

Wovon träumst du
Als Gründerin und Präsidentin der Stiftung SWONET ist es mir ein grosses Anliegen die Zusammenarbeit zwischen den Frauen-Organisationen noch mehr zu stärken. SWONET ist für mich ein Herzensprojekt, das ich mit der Unterstützung eines engagierten Stiftungsrates in den nächsten Jahren noch stärker ausbauen möchte. Mit den Kategorien SWONET ON STAGE und SWONET DIGITAL haben wir die Möglichkeit, Frauen und ihrer Expertise noch grössere Sichtbarkeit zu ermöglichen.

Woraus bist du besonders stolz
Ich bin stolz auf meine beiden Söhne, weil ich durch sie erlebt habe, dass es möglich ist eigene Ziele zu verfolgen und gleichzeitig zwei junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Sie zeigen mir umgekehrt immer wieder, dass sie ihrerseits stolz auf mich sind. Ich bin auch stolz darauf, dass ich es gewagt habe, mich vor über 10 Jahren im digitalen Umfeld beruflich neu zu positionieren. In einer Zeit, als noch niemand wusste, welchen Stellenwert die virtuelle Vernetzung haben wird, war ich bereits überzeugt, dass die Businessnetzwerke den Bewerbungs-und Rekrutierungsprozess verändern werden.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft
Junge Frauen sollen nicht vergessen, dass ihre Rechte bis vor 50 Jahren nicht selbstverständlich waren. Ältere Frauen sollen noch mehr bereit sein, die Position der aktiven Mentorin zu übernehmen. Nicht belehrend, sondern als Sparringspartnerin. Ich wünsche mir auch, dass junge Paare ihre Zukunft frühzeitig zusammen und mit gleichen Chancen auf persönliche Weiterentwicklung planen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob ihr Familienmodell den gesellschaftlichen Normen entspricht.

Leitsatz
Gebe zuerst - bevor Du von Anderen etwas erwartest


Frauenstimme der Woche / 01.03.2021

Lotti Baumann

Wer bist du
Ich bin Lotti Baumann, JG 74 von Beruf Bäuerin und Mutter von 4 Kindern

Wofür erhebst du deine Stimme
Ich setzte mich dafür ein, dass Bäuerinnen nicht in erster Linie zum Wohle des Betriebs und der Familie arbeiten und oft auch schweigen. Nur wenn Bäuerinnen ihre eigenen Werte leben und sich für ihre Rechte einsetzten, kann sich die Landwirtschaft insgesamt ändern. Ich setze mich dafür ein, dass Haus- und Familienarbeit genauso emanzipiert ist, wie jede andere bezahlte Arbeit auch.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht
Ungeduldig auf einer Wolke gewartet, bis die Zeit reif war, das Stimmrecht schon bei meiner Geburt (1974) als Geburtsrecht zu bekommen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu
Wir müssen aufhören zu werten. Jeder/jede soll ihr Leben leben dürfen, wie er/sie es sich vorstellt.

Wovon träumst du
Dass Frauen, die sich einsetzen, diskutieren und ihre Meinung durchsetzen, nicht als „schwierig“ empfunden werden.

Worauf bist du besonders stolz
Auf jede Angst, die ich überwunden habe, vor Leuten reden, Autobahn fahren, alleine irgendwohin gehen, Verantwortung übernehmen und natürlich auf meine Kinder.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft
Dass die Gesellschaft offen wird für alle Formen des Lebens, ohne zu werten.
Dass wir jedem Menschen zutrauen, Verantwortung für sich zu übernehmen.
Wenn jeder für sich selber schaut, ist für alle gesorgt.

Leitsatz
Ein kleiner Funke kann große Feuer entfachen


Frauenstimme der Woche / 22.02.2021

Amal Mawlud aus Fahrwangen

Wer bist du
Ich bin Amal, eine einfache Frau und eine Kämpferin. Mein Name hat eine Bedeutung. Amal heisst Hoffnung. Ich wohne in Fahrwangen seit 21 Jahren. Damals kamen wir als Asylanten in die Schweiz. Ich bin verheiratet und habe 4 Kinder und 2 Enkelkinder. Ich kümmere mich um meine Familie und arbeite noch als Köchin.

Was ist dir wichtig im Leben
Zufriedenheit, das ist mir wichtig. Dass wir Menschen die Fähigkeit haben Freude zu erkennen. Das können ganz kleine Sachen sein z.B. eine Blume oder ein Vogel der singt. Ich finde es sehr schön, wenn ich am Morgen aufstehe und die Sonne scheint, dann beginnt für mich ein zufriedener Tag.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht
Damals war ich 5 Jahre alt. Da lebte ich im Irak. Meine Mutter hat mir ein Ämtli gegeben. Sie sagte, du musst lernen Wäsche von Hand zu waschen und Wäsche aufzuhängen.

Was bedeutet dir Chancengleichheit
Ich habe schon als kleines Kind nicht akzeptieren können, dass ich Arbeiten im Haushalt machen musste und meine Brüder nicht. Mein grosser Bruder wollte mir einmal helfen, aber meine Mutter lies es nicht zu und meinte, das sei Frauenarbeit. Ich war eine Rebellin, ich konnte nicht verstehen und akzeptieren warum ich vieles nicht durfte, meine Brüder aber schon. Habe oft «nein» gesagt.

Die Eltern, speziell die Frauen, haben es mit der Erziehung der Kinder in der Hand, dass die Chancengleichheit selbstverständlich gelebt wird.

Von was träumst du
Wenn ich 60 Jahre bin, möchte ich einen Fotoapparat. Ich werde damit auf Reise gehen und arme Länder besuchen. Dort fotografiere ich Menschen die vergessen wurden. Kinder, die auf der Strasse leben, alte und beeinträchtige Menschen ohne Unterstützung. Dann organisiere ich eine Ausstellung und zeige meine Fotos. Fotos die das Leben schrieb.

Auf was bist du stolz
Ich konnte nur 6 Jahre die Schule besuchen und hatte keine Möglichkeit eine Ausbildung zu machen. Ich habe keine Papiere, die ich ausweisen kann.

Hier habe ich die Chance bekommen mich zu entwickeln. Lernte die Sprache, engagierte mich im Dorf, im Frauenverein. Bin heute gut integriert und habe viele gute und schöne Kontakte mit anderen.

Trotz vielen negativen Einflüssen habe ich gelernt Auto zu fahren und habe die Prüfung geschafft. Ich habe es geschafft, weil ich auf mich hörte und nicht auf andere. Das Autofahren ermöglichte mir, dass ich heute einen Job als Köchin ausüben kann.

Das Leben in der Schweiz
Nach drei Jahren in der Schweiz, habe ich mich als Frau wie neu geboren gefühlt. Mich interessierte die Kultur. Mir hat es gefallen, wie die Frauen gekämpft haben und finde es schön, welche Rechte sie haben. Es beeindruckt mich, dass es keinen Beruf gibt, den die Frauen nicht lernen könnten. Wie überall gibt es einiges, das nicht gut ist.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft
Dass man Menschen aus anderen Kulturen zuerst kennen lernt, bevor man ein Urteil bildet. Es gibt in jedem Land gute und schlechte Menschen.

Dass ich weiter arbeiten kann bis zur Pensionierung. Ich möchte immer selbständig bleiben bis zum Ende meines Lebens und nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein.

Leitsatz für das Leben
Nur wenn Du respektvoll mit anderen umgehst, wirst Du selbst Respekt ernten.


Frauenstimme der Woche / 15. Februar 2021

Regine Kern

Wer bist du?
Ich heisse Regine Kern Fässler, lebe mit meinem Mann und unseren drei jugendlichen und erwachsenen Kindern in Rombach.

Ich bin gelernte Gärtnerin, habe ein Studium in Hortikultur FH abgeschlossen, bin Gartenfachfrau und ausgebildete Ausbildnerin, Feldornithologin und glückliche Familienfrau. In meiner Freizeit pflege ich mit viel Leidenschaft unseren Naturgarten und leite eine ornithologische Naturjugendgruppe.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Für den achtsamen Umgang mit unserem Boden, für den Schutz von Natur- und Umwelt. Für Offenheit und Toleranz, für ein respektvolles Miteinander in unserer Gesellschaft.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
In diesem Jahr bin ich zur Welt gekommen, an einem eisigen Wintertag. In diesem Jahr wohnten wir in einem abgelegenen Weiler auf dem bäuerlichen Betrieb meiner Grosseltern und Verwandten – zu diesem Flecken Erde spüre ich noch heute eine tiefe Verbundenheit.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Frauen, die mutig und gut ausgebildet sind und sich für sich selber einsetzen. Politische und gesellschaftliche Systeme, die den Frauen die gleichen Chancen ermöglichen. Mehr Frauen in Führungspositionen. Frauen, die andere Frauen in ihren Entscheidungen unterstützen.

Wovon träumst du?
Von einem grossen Garten voller Blumen und Gemüse, in dem ich mein Fachwissen über den naturnahen Garten, den biologischen Anbau von Gemüse, Kräutern und Beeren weitergeben kann. Ein Ort, der Menschen verbindet. Eine Oase, die entschleunigt und den Menschen die Vielfalt und Schönheit, Faszination und Verletzlichkeit der Natur nahebringt.

Woraus bist du besonders stolz?
Auf den schönen Schulgarten am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, den ich mit meinem Team aufgebaut habe. Auf die Mitwirkung beim neuen Brutvogelatlas der Vogelwarte Sempach. Auf die Distelfinken, Holzbienen und Zauneidechsen in unserem Garten.

Auf meine drei Kinder, die mutig für eine gerechte Zukunft einstehen.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir der nächsten Generation einen gesunden und fruchtbaren Boden weitergeben. Dass weltweit mehr Frauen im Besitz von landwirtschaftlichem Boden sind. Dass wir gemeinsam den dramatischen Artenschwund und das Verschwinden von wertvollen Lebensräumen vor unserer Haustüre aufhalten.

Leitsatz
Selber denken und meinen Werten treu sein


Frauenstimme der Woche / 8. Februar 2021

Heidi Ammann

Wer bist du?
Eine selbstbewusste Frau, selbstständig und verwitwet.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Demut vor unserer Natur.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Als 14jährige entdeckte ich die Möglichkeiten des Lebens.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Menschen nach ihren Fähigkeiten zu messen und zu fördern, ob Frau oder Mann darf nicht maßgebend sein.

Wovon träumst du?
Eine Menschheit ohne Missgunst und Neid. Wer etwas erreicht im Leben hat meistens viel gewagt und manch anderer profitiert davon. Glück fällt nicht vom Himmel, das muss erarbeitet und erkämpft werden.

Worauf bist du besonders stolz?
Trotz dem plötzlichen Tod meines Mannes konnte ich mich als Witwe behaupten. Ich musste für unseren Schreinereibetrieb und unsere Mitarbeiter eine Nachfolgeregelung suchen, seitdem verwalte ich unsere gemeinsam erstellte Immobilie mit eingemieteten Firmen. Später bestand ich die Jagdprüfung und wurde als Pächterin aufgenommen. In dieser Männerdomäne führe ich seit einigen Jahren unseren Jagdverein als Präsidentin und Jagdleiterin.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Statt Ehebund neue „Lebensgemeinschaften“ definieren welche in die heutige Zeit passen, diese sollten für Eltern sowie deren Kinder besser zu leben, besser zu verwirklichen sein. Unsere Kinder sollen sich auf dem Erreichten ihrer Vorfahren weiter entwickeln, verändern und aufbauen dürfen.

Leitsatz
Achtung vor allen Lebewesen und unserer Natur.


Frauenstimme der Woche / 1. Februar 2021

Eva Noth, Familienfrau und Musikerin

Wer bist du?
Eva Noth, Familienfrau und Musikerin, Eva steht für LEBEN, Not(h) erlebe ich zum Glück selten, da ich viel Musik um mich herum habe…

Wofür erhebst du deine Stimme?
Für ein menschliches Miteinander und einen respektvollen Umgang mit Mutter Natur.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Sternchen geputzt und mich darauf vorbereitet, in einem Jahr auf die Welt zu kommen.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Funktionierende Netze, unterstützende Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, wohlwollende Chef*innen. Menschen in Führungspositionen, die wissen, dass uns alle Lebenserfahrungen weiterbringen - familiäre ebenso wie berufliche. Offenheit gegenüber andere. Begegnungen zulassen mit Menschen jeglicher Art, jeglichen Alters, jeglicher Begabung.

Wovon träumst du?
Von einer Welt, in der in allen Ländern und Kulturen Frauen körperlich unversehrt bleiben und Zugang zu Bildung und freier Partnerwahl haben.

Woraus bist du besonders stolz?
Auf unsere drei Töchter, für die Emanzipation viel selbstverständlicher ist als für meine Generation. Und auf meinen Spagat, Familie, Beruf und musikalische Berufung unter einen Hut zu bringen.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Für alle Mädchen und Frauen ein weiter wachsendes Selbstverständnis, auf dass meine Enkelinnen sich dereinst wundern, dass es mal eine Zeit gab, in der zum Beispiel Männer mehr verdienten als Frauen.

Leitsatz
Miteinander zuversichtlich unterwegs!


Frauenstimme der Woche / 25. Januar 2021

Pia Viel

Wer bist du?
Ich bin Pia Viel, 61 Jahre jung, positiv, Energie geladen und immer für Neues zu begeistern. Ich lebe im Raum Baden und hier bin ich auch aufgewachsen. Meine Mitbewohner sind mein Mann, mein Sohn, Kater Leo und 11 Landschildkröten. Schon früh habe ich gemerkt, dass ich gerne Führung übernehme und gerne eigenständige Wege gehe.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Bildung, Chancengleichheit, Familien und Frauen dafür setze ich mich ein. Angefangen hat alles vor über 20 Jahren im Katholischen Frauenverein Ehrendingen, als ich in den Vorstand gewählt wurde. Das Amt der Kassierin habe ich über 10 Jahre lang ausgeübt. In dieser Zeit wurde ich auch in die Schulpflege gewählt, habe vier Jahre den Kindergarten betreut und ganz nebenbei den Mittagstisch Ehrendingen gegründet. Für weitere 8 Jahre war ich dann auch als Schulpflegepräsidentin tätig und habe dieses Amt mit viel Engagement ausgeführt.

Durch den Aufbau, die Führung und den Ausbau des Mittagstisches in Ehrendingen kam ich mit vielen administrativen und politischen Schwierigkeiten in Berührung. In vielen Ortschaften wurden Vereine gegründet oder Eltern- und Frauenvereine übernahmen die Aufgabe ohne Hilfe von Behörden und finanziellen Ressourcen. Man begrüsste die Angebote, aber eine Unterstützung musste immer hart erkämpft werden. Damit diese Arbeit nicht jede Organisation neu erfinden musste, gründete ich mit vier Gleichgesinnten den Dachverband Tagesstrukturen Mittagstisch Aargau. Wir halfen mit Knowhow, mit Mustervorlagen, Weiterbildung für Betreuerinnen und Vorstandsmitglieder und setzten uns politisch für das neue Kinderbetreuungsgesetz im Kanton Aargau ein. Diese Arbeit führen wir auch heute noch weiter.

Nicht lange nach der Beendung meiner Schulpflegearbeit kam die Anfrage für den AKF Aargauischen Katholischen Frauenbund. Zuerst arbeitete ich in der Frauenpreiskommission, danach kam das CO-Präsidium und seit 2017 das Präsidium. Als ich meine erste Delegiertenversammlung vor über 120 Frauen durchführte, spürte ich die enorme Frauenpower im Saal. Jede dieser Frauen engagiert sich im Ortsverein mit viel Engagement für die verschiedensten Anliegen mit freiwilliger Arbeit. Auch heute noch macht es mich stolz ihre Präsidentin zu sein und es ist mir ein grosses Anliegen mich für die Frauen in der Kirche, in der Gesellschaft und in der Politik einzusetzen.

Warum engagierst du dich in der Politik?
Durch Vernetzungen im Zusammenhang mit meinen Tätigkeiten kam ich erst in den letzten fünf Jahren zur Politik und kandierte schon zweimal für den Grossen Rat und einmal an den Nationalratswahlen. Wahlkampf habe ich als ein spannendes Wir Erlebnis empfunden. Man kämpft zusammen im Team für ein gutes Parteiergebnis, damit die Ziele der Partei umgesetzt werden können. Zurzeit bin ich die Präsidentin der CVP im Bezirk Baden. Hier kann ich mich für meine Werte einsetzen, Menschlichkeit, Solidarität und Respekt. Und erhebe meine Stimme für die Gleichberechtigung von Frauen und Männer, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Chancengleichheit auf der Welt, wie auch für Mann und Frau: Von jedem einzelnen Menschen auf dieser Erde, ein bisschen mehr Toleranz gegenüber dem Anderen.

Für die Zukunft ist mein Wunsch ein gutes Miteinander von allen Menschen in der Gesellschaft, der Wirtschaft und auch in der Kirche.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Ich war 12 Jahre alt und besuchte die Sekundarschule in Untersiggenthal. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Denn meine Mutter und auch mein Vater waren sehr stolz, als meine Mutter das Stimmrecht erhielt und sie liess nie eine Abstimmung aus. Es war ihr wichtig dieses Recht der Stimmabgabe wahrzunehmen und an uns Kinder hat sie diese Wichtigkeit weitergegeben.

Worauf bist du besonders stolz?
Ich bin jederzeit offen für neue Projekte und reisse sie auch gerne an. Für die nötige Unterstützung hole ich mir je nach Sache, Personen mit Fachwissen oder mit Interesse ins Team. Ich bin stolz wenn ich die Ressourcen jedes einzelnen Teammitgliedes hervorbringen konnte und Wir gemeinsam etwas erreicht haben oder ins Rollen gebracht haben.

Leitsatz
„Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will.“ (Galileo Galilei)


Frauenstimme der Woche / 18. Januar 2021

Melanie Holle
«Den Kampf wird es immer geben»

Wer bist du?
Ich bin ich. Melanie Holle, zwanzig Jahre alt und Studentin Pädagogik.

Ich bin eine dieser jungen Frauen, die es satthaben eine Besonderheit auf politischen Events zu sein. Ich bezeichne mich selbst als eine ehrgeizige, willensstarke und fröhliche Person. Ich mag es anderen Menschen zu helfen, ihnen durch kleine oder grosse Gesten ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern. Für mich ist das Leben kein Geschenk, sondern eine Chance einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Ich gehe gerne mit einem Lächeln und einem ersten Blick durch diese Welt. Das Lächeln, um den Menschen Mut und Freude zu bringen, der ernste Blick, um sie wissen zu lassen, dass ich meine, was immer ich sage. Ich bin im Allgemeinen der Überzeugung Taten sagen mehr als Worte.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Ich setze mich für jene ein, deren Stimme nicht gehört werden. Ich setze mich für die Gleichberechtigung aller Geschlechter, Ethnien, sexuellen Orientierungen und Religionen ein. Ich möchte nicht weiter in einer Welt leben, in der gewisse Menschen von der Gesellschaft und ihren Vertretern systematisch diskriminiert werden. Dies bedeutet für mich auch, dass ich mich für den Systemwandel und den Kampf gegen den Klimawandel einsetze. Denn dieser fördert und schafft weitere Ungleichheiten, welche es zu verhindern gilt.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Als mein einzigen Nachteil, eine der jüngeren Frauen in der Politik zu sein, sehe ich, dass ich weder die Einführung des Frauenwahlrechts noch den ersten Frauenstreik erlebt habe. Aus diesem Grund kann ich diese Frage nur mit Humor und „meine Eltern waren noch nicht mal geboren also nichts“, beantworten.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Die Unterstützung und Förderung aller Menschen unserer Gesellschaft muss zur obersten Priorität der Politik werden. Für mich als zukünftige Lehrerin bedeutet das, dass ich gratis Nachhilfe und Unterstützung aller Schüler*innen und ihrer Eltern, unabhängig ihrer Nationalität oder finanziellen Situation, zu meiner obersten Priorität machen möchte. Kinder, die sich in den Auffangstationen für Flüchtlinge befinden, verdienen genauso Unterricht und Förderung wie jene die es nicht tun. Von der Gesellschaft braucht es die Anerkennung aller Menschen. Von der Politik braucht es im Gegenzug gezielte Programme zur Unterstützung jener Menschen mit weniger Geld oder Möglichkeiten. Für mich ist klar, dass das Einkommen der Eltern keine Rolle spielen sollte, weder im Berufswunsch noch in der Vorstellung der Lebensgestaltung von Kindern.

Wovon träumst du?
Ich träume von einer Regierung die systematischen Rassismus, Sexismus und Homophobie nicht nur theoretisch, sondern praktisch bekämpft. Ich möchte dies erreichen, in dem ich mich jetzt für eine nachhaltige und soziale Politik einsetze und mich nicht unterkriegen lasse. Konkret ist es mein Wunsch, dass es in Zukunft keine Schlagzeilen mehr gibt, wenn eine Frau Vizepräsidentin von Amerika wird, sondern dass dies der Normalität entspricht. 

Worauf bist du besonders stolz?
Mit meinem Engagement in der Politik kleinen Mädchen zu zeigen, dass man weder alt noch männlich sein muss und auch keine Liste voller politischer Ämter braucht, um etwas verändern zu können. Ich habe im Jahr 2020 mehrfach die Chance erhalten zu zeigen, für was ich stehe und was mir wichtig ist, dafür bin ich dankbar und habe mich selbst stolz gemacht. Zum Beispiel mein Vortrag zum Thema Klimafeminismus am Event „Frauen und Politik Fricktal“. Ich bin generell der Meinung das Taten mehr sagen als Worte. Es stört mich das sich die Medien oft mehr für die Politiker und ihre Familienplanung als ihre Taten, wofür sie sich einsetzen interessieren. 

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Mädchen* und Jungen* die die Hoffnung genauso wenig aufgeben wie ich und jeden Tag für ihre Rechte einstehen und für diese kämpfen. Ich denke es ist eine Illusion, dass der Kampf für Gerechtigkeit und deren Einhaltung mit meiner Generation zu Ende geht. Diesen Kampf wird es immer geben, doch die Menschen, die ihn führen werden nicht mehr Aussenseiter, sondern die Mehrheit sein.

Leitsatz
Taten statt Worte.


Frauenstimme der Woche / 11. Januar 2021

Margrit Hasler, Muhen
«Menschen unvoreingenommen begegnen»

Wer bist du?
Mein Name ist Margrit Hasler - ich sehe mich als gesellige, humorvolle und unternehmungslustige Person und geniesse das Leben in all seinen Fassetten. Aufgewachsen bin ich in Muhen, als jüngste von vier Geschwistern und durfte eine sehr liebevolle Kindheit verbringen. Beruflich konnte ich meiner Leidenschaft als Damen und Herren Coiffeure erfüllt bis zur Pension nachgehen. Aus der Ehe mit meinem langjährigen Partner entstand eine Familie mit zwei gesunden Kindern, mit dem frühen und unerwarteten Tod meines Mannes hat sich unser Leben jedoch drastisch verändert. Plötzlich waren wir auf uns allein gestellt. Auch dank der Unterstützung der Familie und Freunde lernten wir das Leben neu zu bewältigen, was uns glücklicherweise gut gelungen ist und wofür ich dankbar bin.

Wofür erhebst du deine Stimme?
-Familie und Freunde
-Gerechtigkeit
-Sicherheit
-Vertrauen
-Mitbestimmung in Form unserer CH-Stimmabgabe Möglichkeit

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Nach meiner Schulzeit absolvierte ich ein Haushaltsjahr und durfte dabei viele Erfahrungen sammeln.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
In meinen Augen ist es wichtig den Menschen unvoreingenommen zu begegnen, sie wahrzunehmen und zu anerkennen, damit eine Gleichberechtigung möglich ist.

Wovon träumst du?
Wenn es meine Gesundheit erlaubt, wünsche ich mir noch lange in meinem Zuhause bleiben zu können, um den Garten zu pflegen und zu geniessen. Weiter träume ich von einer Reise ins Ausland, um eine Fremdsprache zu erlernen.

Worauf bis du besonders stolz?
Besonders glücklich und sehr stolz bin ich auf meine beiden Kinder, die selbstständig ihren Weg gehen und schätze, dass wir es zusammen «guet händ».

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Ich hoffe, dass die nächste Generation zufrieden, in einer sicheren sowie umweltbewussteren Welt aufwachsen wird und gute Zukunftsperspektiven hat.

Leitsatz
Freundlichkeit in Worten schafft Vertrauen.
Freundlichkeit im Denken schafft Tiefe.
Freundlichkeit im Geben schafft Liebe.
~Laozi/Laotse~


Frauenstimme der Woche / 4. Januar 2021

Chiara Schlenz (19, Studentin und Journalistin): «Mir liegt Gleichberechtigung in jedem Sinn sehr am Herzen.»

Wer bist du?
Mein Name ist Chiara Schlenz, ich bin Journalistin, Studentin, Tochter und Freundin. Zum Zeitpunkt dieses Interviews bin ich noch nicht ganz 20 und beende mein erstes Semester an der Fachhochschule.

Wofür erhebst du deine Stimme?
Mir liegt Gleichberechtigung in allen Sinnen sehr am Herzen. Dazu zähle ich nicht nur die Gleichheit von Frau und Mann – sondern auch von unterschiedlichen Herkünften, sozialen Schichten und auch Sexualitäten und Persönlichkeiten.

Was hast du im Jahr 1971 gemacht?
Im Jahr 1971 war ich noch weit hinter dem Mond, wie man so schön sagt.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?
Um wahre Chancengleichheit zu erreichen braucht es noch weitaus mehr Bestrebungen, privat sowie auch politisch. Unsere Gesellschaft muss umdenken und handeln. Leere Worte und Frauenquoten reichen nicht mehr aus. Die Gesellschaft muss nachhaltig auf die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sensibilisiert und aufgeklärt werden.

Wovon träumst du?
Ich freue mich schon sehr darauf, mein Studium abzuschliessen und dann „richtig“ arbeiten zu können. Auch möchte ich gerne noch mehr Reisen und andere Kulturen kennenlernen – und mehr Zeit haben um zu lesen.

Worauf bist du besonders stolz?
Besonders stolz bin ich wohl auf meinen beruflichen Werdegang. Ich konnte schon direkt nach der Mittelschule damit beginnen, meinen Traumberuf auszuüben und meine Chancen zu nutzen.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass unsere Generationen ihre Probleme selber in den Griff bekommt und zukünftige Generationen nicht ebenfalls unter Diskriminierung und Benachteiligung aller Art und dem Klimawandel leiden müssen.

Leitsatz
Sag es so, wie es ist.

Aargauer Zeitung
Porträtserie
Frauenstimmen aus dem Aargau: «Sag es so, wie es ist»


Unter dem Dach der Frauenzentrale Aargau laufen folgende Dienstleistungsbetriebe mit Angeboten für Frauen und ihr soziales Umfeld sowie für Menschen in schwierigen Lebenssituationen:

Anlaufstelle Häusliche Gewalt 
Selbsthilfezentrum
Alimenteninkasso
Budgetberatung
Rechtsberatung
Trennungsberatung
Mütterhilfe

 
Wir sind eine private Non-Profit-Organisation, parteipolitisch unabhängig und konfessionell neutral.

Vereinbarkeit von Lebenswelten